1 Kazrataur

Nicht Teilnehmende Beobachtung Beispiel Essay

Volume 4, No. 2, Art. 20 – Mai 2003

Die teilnehmende Beobachtung als Datenerhebungsmethode in der Politikwissenschaft. Methodologische Reflexion und Werkstattbericht

Helmar Schöne

Zusammenfassung: In empirischen politikwissenschaftlichen Studien wird die teilnehmende Beobachtung nicht nur selten angewendet, bislang wurde sie innerhalb der deutschen Politikwissenschaft auch nur unzureichend theoretisch und methodisch reflektiert. Nach einer wissenschaftstheoretischen Einführung zeigt der Artikel aufbauend auf die praktisch-methodischen Erfahrungen aus zwei Forschungsprojekten zur Parlamentarismusforschung, wie sich die teilnehmende Beobachtung in der politikwissenschaftlichen Forschung einsetzen lässt. Der Beitrag diskutiert die mit der teilnehmenden Beobachtung verbundenen Erkenntnischancen und zeigt Lösungen für jene Probleme auf, die u.a. bei der Erstellung der Datenerhebungsinstrumente, bei der Datenerhebung und bei der Datenauswertung auftreten können.

Keywords: Politikwissenschaft, Teilnehmende Beobachtung, Parlamentarismusforschung, qualitative Sozialforschung, politikwissenschaftliche Methoden, empirische Politikforschung

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Methode der teilnehmenden Beobachtung

2.1 Zu dem Begriff und den Formen der wissenschaftlichen Beobachtung

2.2 Beobachtungsstudien in der Politikwissenschaft

3. Erfahrungen aus der Forschungspraxis

3.1 Offen oder geschlossen? Beobachtungsleitfaden oder Beobachtungsschema?

3.2 Die Auswahl der Stichprobe

3.3 Der Feldzugang

3.3.1 Beharrlichkeit beweisen

3.3.2 Hierarchien und Vermittlungspersonen nutzen

3.3.3 Mentoren gewinnen

3.3.4 Sinn vermitteln

3.3.5 Professionalität zeigen

3.4 Die Rolle der Beobachter im Feld

3.4.1 Prägefaktoren der Beobachterrolle

3.4.2 Schwierigkeiten bei der Feldarbeit

3.5 Protokollierung und Auswertung der Ergebnisse

4. Der Nutzen der teilnehmenden Beobachtung für die empirische politikwissenschaftliche Forschung

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Allen sozialwissenschaftlichen Paradigmenwechseln und Moden zum Trotz führt die politikwissenschaftliche Methodendiskussion nach wie vor ein Schattendasein. Hin und wieder durch den – nur zu oft stereotypen – Streit zwischen Vertretern quantitativer und qualitativer Forschungsansätze ans Licht gebracht, ist die Methodik dennoch "ein Stiefkind der Politikwissenschaft geblieben". So urteilt etwa von ALEMANN (1995, S.18) in dem von ihm herausgegebenen Methodenlehrbuch der Politikwissenschaft. Und im Handbuch der Qualitativen Sozialforschung konstatiert PATZELT für die Politikwissenschaft "Neigungen, die Methodenreflexion als irrelevant zu erachten" (1991, S.53-55). Das gilt vor allem für die qualitativen Forschungsmethoden. Während in der quantitativ orientierten Forschung in den letzten Jahren nicht zuletzt durch die technischen Entwicklungen in der elektronischen Datenverarbeitung neue Wege und Verfahren diskutiert wurden, gibt es in der qualitativen Methodendebatte innerhalb der Politikwissenschaft wenig Neuerungen. [1]

In ganz besonderer Weise gilt das für die Datenerhebungsmethode der Beobachtung. Von Politikwissenschaftlern wurde sie bislang nicht nur unzureichend theoretisch und methodisch durchdacht, insbesondere in der deutschsprachigen Politikwissenschaft wird sie in der Forschungspraxis nur sehr selten angewendet. Wird sie aber benutzt, wie z.B. in der umfangreichen Parteienstudie RASCHKEs über die GRÜNEN (1993), in THAYSENs Arbeit über den Runden Tisch während der Endphase der DDR (1990) oder in ISMAYRs Standardwerk zum Deutschen Bundestag (2001), werden die mit der Beobachtung gemachten Erfahrungen nicht methodisch reflektiert. Einer Auswertung von fünf Jahrgängen der Politischen Vierteljahresschrift, einer der Leitmedien der deutschen Politikwissenschaft, durch von ALEMANN und TÖNNESMANN (1995) ist zu entnehmen, dass von allen dort publizierten empirischen Analysen nicht eine einzige auf Beobachtungsverfahren zurückgegriffen hat. Aber auch die beiden Autoren selbst haben die Behebung dieses Defizits nicht als wichtig erachtet. Keine der in ihrem Methodenlehrbuch versammelten Fallstudien, die unterschiedliche politikwissenschaftliche Erhebungsmethoden vorstellen, nimmt sich der Beobachtung an. Auch das umfangreiche Buch DREIERs (1997) zur empirischen Politikforschung widmet den Beobachtungsverfahren nur einige wenige Abschnitte. [2]

Diese Blindstelle überrascht gleich aus mehreren Gründen. Erstens ist die Beobachtung im publizistisch-journalistischen Bereich eine verbreitete Methode. Sie ist eine Quelle der Fülle von Reportagen und Hintergrundberichten in Tageszeitungen, Wochenmagazinen und elektronischen Medien, aber auch von so erfolgreichen Büchern, wie sie z.B. Günter WALLRAFF (1988) oder Landolf SCHERZER (1998, 2000a, 2000b)1) geschrieben haben. Häufig ist der journalistische Blick ein unsystematischer, eher an Episoden, Personen und Idiosynkrasien und weniger an Strukturen und Regelmäßigkeiten interessierter. Die Perspektive, Politikern über die Schulter zu schauen, sie in ihrem Umfeld zu beobachten und sich in ihre Sichtweise der politischen Wirklichkeit hinein zu versetzen, kann aber auch für Politikwissenschaftler erkenntnisfördernd sein – wenn denn dieses Beobachten methodischen Standards genügt. [3]

Zweitens überrascht die Zurückhaltung, mit der die deutschsprachige Politikwissenschaft die Beobachtung nutzt, weil die Methode international auch von Politikwissenschaftlern erprobt worden ist. Dabei sind zuerst Richard F. FENNOs Studien über den US-Kongress und seine Abgeordneten (u.a. 1978) zu nennen. FENNOs "soaking and poking" ist in der US-amerikanischen Politikwissenschaft inzwischen zu einem geflügelten Begriff geworden (FENNO 1978, S.249) und seine methodischen und theoretischen Überlegungen haben eine Reihe anderer empirischer Studien inspiriert (z.B. SEARING 1994). [4]

Drittens schließlich verwundert die politikwissenschaftliche Beobachtungs-Abstinenz, weil die teilnehmende Beobachtung nicht nur in der Ethnologie, sondern auch in der Psychologie, der Erziehungswissenschaft und der Soziologie selbstverständlicher zum Methodenkanon gehört.2) Nicht nur unter Soziologen bekannt geworden sind beispielsweise die Arbeiten GIRTLERs, der gesellschaftliche Randgruppen wie Obdachlose und Prostituierte teilnehmend beobachtend begleitet hat (1980 und 1987). In anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen sind auch einzelne Methodenlehrbücher über die teilnehmende Beobachtung entstanden (FRIEDRICHS & LÜDTKE 1973, GRÜMER 1974, GIRTLER 1988, ASTER, MERKENS & REPP 1989). [5]

Der vorliegende Beitrag unternimmt eine systematische Aufarbeitung der teilnehmenden Beobachtung als Datenerhebungsmethode in der Politikwissenschaft. Zu diesem Zweck wird nach einleitenden theoretischen Überlegungen und nach einem Blick auf bisherige politikwissenschaftliche Beobachtungsstudien aus zwei Forschungsprojekten der Parlamentarismusforschung berichtet, in denen die teilnehmende Beobachtung eingesetzt wurde. Es werden die in vielen Beobachtungsstunden gemachten praktisch-methodischen Erfahrungen geschildert und die mit der Methodenwahl verbundenen Erkenntnischancen und Probleme diskutiert. Dabei werden Vorschläge zur Lösung der Schwierigkeiten unterbreitet, die oft als Ursachen für die geringe Verbreitung von Beobachtungsverfahren genannt werden, etwa Restriktionen beim Feldzugang oder die mangelnde Intersubjektivität von Beobachtungen. Die Forschungspraxis zeigt, dass solche Probleme, auch durch interdisziplinäre Anleihen in der Ethnologie und Soziologie, lösbar sind und dass die teilnehmende Beobachtung dem Politikwissenschaftler Einblicke in Zusammenhänge eröffnen kann, die ihm allein mit Befragungsmethoden verschlossen blieben. [6]

2. Die Methode der teilnehmenden Beobachtung

2.1 Zu dem Begriff und den Formen der wissenschaftlichen Beobachtung

Da Beobachten zunächst als ein Phänomen alltäglichen Handelns erscheint – beispielsweise beobachten wir die Passanten vor unserem Bürofenster oder im Treppenhaus zwei Kollegen, die sich begrüßen – muss die wissenschaftliche Beobachtung von der alltäglichen unterschieden werden. Dazu differenziert die Psychologie zwischen Wahrnehmung und Beobachtung. Die Wahrnehmung des Passanten vor dem Bürofenster wird erst dann zur Beobachtung, wenn sie drei Kriterien verfolgt: Absicht, Selektion und Auswertung. Beim Beobachten verfolgen wir also ein Ziel oder Zweck, wählen aus unserer Wahrnehmung nur bestimmte Aspekte aus und werten schließlich die Ergebnisse unserer Beobachtungen aus. Solches – zunächst noch alltägliche – Beobachten wird zum wissenschaftlichen, wenn die Beobachtung zur Überprüfung bestimmter Annahmen dient und die Ergebnisse sowohl reproduzierbar wie intersubjektiv nachvollziehbar sind, also verschiedene Beobachter bei der Beobachtung selber Sachverhalte zu gleichen Ergebnissen kommen (DREIER 1997, S.461). [7]

Wissenschaftliche Beobachtungsverfahren werden im Allgemeinen nach fünf Dimensionen unterschieden (FRIEDRICHS 1982, S.272):

  • verdeckt – offen (Inwieweit wissen die Beobachteten, dass sie beobachtet werden?)

  • nicht-teilnehmend – teilnehmend (Inwieweit nimmt der Beobachter am Feldgeschehen teil?)

  • systematisch – unsystematisch (Inwieweit ist Beobachtung durch vorgefertigte Schemata standardisiert?)

  • natürlich – künstlich (Erfolgt die Beobachtung im natürlichen Feld oder unter speziell hergestellten Bedingungen?)

  • selbst – fremd (Inwieweit werden Fremde, inwieweit der Beobachter selbst zum Gegenstand der Beobachtung?) [8]

In der qualitativen Sozialforschung und auch in den wenigen politikwissenschaftlichen Studien, die Beobachtungsverfahren anwenden, ist die teilnehmende Beobachtung die am weitesten verbreitete Variante, die i.d.R. offen, in natürlicher Umgebung und als Fremdbeobachtung verläuft. Dabei ist der Grad der Teilnahme als ein Kontinuum zu denken, weil sie im Forschungsprozess verschiedene Formen annehmen und der Einfluss des Beobachters auf das Feldgeschehen unterschiedlich ausgeprägt sein kann: Als Gast in Gremiensitzungen ist der Politikwissenschaftler stiller Zuhörer, als Mitfahrer im Auto von Politikern auf dem Weg zum nächsten Termin mag er um Rat gefragt werden und als Wartender im Wahlkampfquartier kann er, wie FENNO (1990) berichtet, unversehens in die Rolle eines Mithelfenden geraten. Entsprechend darf teilnehmende Beobachtung nicht nur im wörtlichen Sinne verstanden werden, zumal in vielen institutionellen Kontexten Handeln vorwiegend aus Sprachhandlungen besteht. Hier heißt teilnehmende Beobachtung Teilnahme am sprachlichen Handeln; "es wird beobachtet, indem kommuniziert wird" (GOTOWOS 1989, S.116). In den meisten Fällen ist die teilnehmende Beobachtung daher mit anderen Methoden der Datenerhebung kombiniert. "Teilnehmende Beobachtung ist eine Feldstrategie, die gleichzeitig Dokumentenanalyse, Interviews mit Interviewpartnern und Informanten, direkte Teilnahme und Beobachtung sowie Introspektion kombiniert" (FLICK 1995, S.157). Das Beispiel der Beobachtung einer Ausschusssitzung eines Parlamentes mag das verdeutlichen: Zur Beobachtung gehört nicht nur die direkte Teilnahme an der Sitzung zwecks Beschreibung ihres Verlaufs und des Handelns der anwesenden Akteure. Bestandteil ist z.B. auch die Recherche von Hintergrundinformationen über die Ausschussmitglieder aus Volkshandbüchern, das Studium von Tagesordnung und zu beratenden Anträgen, informelle Gespräche am Rande der Sitzung sowie spätere Interviews mit den verschiedenen Funktionsträgern des Ausschusses. Nach Beendigung der Sitzung schließlich muss geprüft werden, inwiefern das Beobachtete bisherige Annahmen und frühere Beobachtungen bestätigt oder neue Hypothesen generiert. FLICK macht darauf aufmerksam, dass

"die teilnehmende Beobachtung (...) in doppelter Hinsicht als Prozess zu begreifen (ist). Einerseits soll der Forscher mehr und mehr zum Teilnehmer werden und Zugang zu Feld und Personen finden. Andererseits soll auch die Beobachtung einen Prozess zunehmender Konkretisierung und Konzentration auf für die Fragestellung wesentliche Aspekte durchlaufen" (FLICK 1995, S.158). [9]

Diesen Prozess hat SPRADLEY (1980) in drei Phasen eingeteilt: deskriptive, fokussierte und selektive Beobachtung. In der ersten Phase orientieren sich die Forschenden im Feld und gewinnen unspezifische Beschreibungen. Die Komplexität des Feldes soll möglichst umfänglich erfasst und es sollen konkretere Untersuchungsfragen entwickelt werden. Während der "fokussierten Beobachtung" wird die Perspektive eingeengt und auf die für die Fragestellung besonders bedeutenden Probleme, Prozesse und Personen gelenkt. Die "selektive Beobachtung" schließlich dient am Ende der Erhebungsphase dazu, weitere Belege und Beispiele für die vorhergehend gefundenen Typen von Verlaufsformen oder Verhaltensweisen zu finden. Ob bewusst geplant oder sich im Feld ergebend, diese drei Beobachtungsphasen wird jeder Forscher durchlaufen, der sich seinem Untersuchungsgegenstand teilnehmend beobachtend nähert. [10]

Welcher Art nun sind die Daten, die sich durch teilnehmende Beobachtung gewinnen lassen und welche Aussagen ermöglichen sie über die Wirklichkeit? Betrachtet man die Diskussion der letzten Jahrzehnte, lassen sich innerhalb der qualitativen Forschung grob drei grundsätzliche Positionen unterscheiden: Eine Position geht auf den "symbolischen Interaktionismus" zurück, fragt also nach subjektiven Bedeutungen und individuellen Sinnzuschreibungen (vgl. JOAS 1988). Die zweite Position umfasst Arbeiten, die unter dem Begriff der Ethnomethodologie subsumiert werden. Die Ethnomethodologie fragt nach den Methoden, mit denen im Alltag sozialer Prozesse Wirklichkeit konstruiert wird (GARFINKEL 1967, PATZELT 1987). Der Wortbestandteil "Ethno" steht für eine soziale Gruppe (Ethnie) der Wortteil "methodo" für die Methoden des Handelns, Darstellens, Interpretierens und die Silben "logie" für die wissenschaftliche Betrachtung des Ganzen. Die dritte Position schließlich markieren Arbeiten, die sich an strukturalistischen Modellen orientieren, also von kulturellen Sinnsystemen ausgehen, welche die subjektive Wahrnehmung und die Herstellung sozialer Wirklichkeit prägen (OEVERMANN, ALLERT & KONAU 1979). Zu dieser Position gehören im weitesten Sinne auch Ansätze der Politischen-Kultur-Forschung (vgl. z.B. ALMOND & VERBA 1963, GABRIEL 1996). FLICK gebührt der Verdienst, auf die Gemeinsamkeiten dieser verschiedenen Positionen aufmerksam gemacht zu haben (1995, S.40). Danach lassen sich folgende gemeinsame Aspekte zusammenfassend als Gegenstände der teilnehmenden Beobachtung beschreiben: Teilnehmende Beobachtung will ihren Untersuchungsgegenstand von innen heraus verstehen. Mit ihrer Hilfe können subjektive Sichtweisen, die Abläufe sozialer Prozesse oder die kulturellen und sozialen Regeln, die diese Prozesse prägen, verstanden werden. Das der teilnehmenden Beobachtung zugrunde liegende Erkenntnisprinzip heißt Verstehen. Ausgangspunkt teilnehmender Beobachtung ist i.d.R. der Einzelfall, von dem aus zu allgemeinen oder vergleichenden Aussagen geschritten wird. Erst wird der einzelne Fall rekonstruiert, dann werden die Analysen und Ergebnisse anderer Fälle zum Vergleich herangezogen und schließlich wird daraus eine Typologie entwickelt. Was als Einzelfall verstanden wird, ist vom theoretischen Standpunkt abhängig, von dem aus der Fall untersucht wird: Es können Subjekte und ihre Sichtweisen sein, Interaktionen oder soziale und kulturelle Kontexte. Die rekonstruierten Einzelfälle bzw. entwickelten Typologien gehen auf verschiedene Konstruktionen der Wirklichkeit zurück. Individuen konstruieren über ihre Sicht der Dinge einen Ausschnitt ihrer Wirklichkeit. Über Gespräche und Diskurse werden Phänomene interagierend hergestellt und darüber wird eine gemeinsame Wirklichkeit geschaffen. Kulturell vermittelte (latente) Sinnstrukturen und Regeln beeinflussen Handeln und tragen damit zur Konstruktionen sozialer Situationen bei. Wirklichkeit, wie sie sich dem teilnehmenden Beobachter darstellt, ist also nicht vorgegeben, sondern wird von verschiedenen – individuellen oder kollektiven – Akteuren konstruiert. [11]

2.2 Beobachtungsstudien in der Politikwissenschaft

Wohl die meisten Politikwissenschaftler haben sich im Laufe ihrer Arbeit zur Erkenntnisgewinnung schon einmal beobachtend betätigt, sei es als Besucher eines Parteitages oder einer öffentlichen Ausschusssitzung, zur Beschreibung eines Wahlkampfes oder als Teilnehmer einer Demonstration. Solche praktischen Anschauungsbeispiele dienen meist, um das eigene Verständnis von einem Untersuchungsgegenstand zu erweitern und ihn einmal selbst erlebt zu haben. In der Regel aber unterbleibt die systematische Auswertung der gewonnenen Eindrücke, die stattdessen als Impressionen in die wissenschaftliche Beurteilung einfließen. Diese fehlende Reflexion des methodischen Vorgehens setzt sich in den meisten politikwissenschaftlichen Studien fort, die die teilnehmende Beobachtung als Erhebungsmethode angewandt haben. Das zeigen auch die folgenden Beispiele, u.a. aus der Parteienforschung, der Kommunalwissenschaft und der Parlamentarismusforschung. [12]

In seiner großen Studie über die Partei Die GRÜNEN wandelte sich RASCHKE (1993) vom verdeckt zum offen agierenden Bebachter, der sogar beratend einwirkte. Am Anfang stand der anonyme Zugang zu Parteitagen, Strömungstreffen und Mitgliederversammlungen der GRÜNEN, ermöglicht durch die in der grünen Partei nahezu unbeschränkt vorhandene Öffentlichkeit. Dabei beobachtete RASCHKE von der Galerie der Parteitage aus beispielsweise "die höchst selektiven Kommunikationen zwischen Basis und Elite oder zwischen den Führungsleuten und diversen Strömungen". Seine Beobachtungen waren aber auch eine Quelle "für das Unterscheidungslernen hinsichtlich unterschiedlicher Denk-, Sprech- und Verhaltensstile" (1993, S.13). Die so gewonnen Informationen dienten auch zur Vorbereitung der zweiten Untersuchungsphase, in der mit den politischen Eliten der GRÜNEN offene Interviews geführt wurden. Der im Laufe der Zeit gewonnene Bekanntheitsgrad des Beobachters und erste Publikationen aus der Forschungsarbeit mündeten schließlich in einer dritten Forschungsphase, die ihrem Charakter nach Begleitforschung war: Das Sammeln von Informationen ging einher mit dem Auftritt als Referent und Diskutant, u.a. zu Fragen der Organisationsentwicklung der GRÜNEN. Am Ende stand als wissenschaftliches Ergebnis eine umfassende Darstellung der ideologischen, organisatorischen und akteursspezifischen Strukturen einer jungen Partei. Der Beobachtungsprozess ist offensichtlich durch folgende Merkmale gekennzeichnet gewesen: durch den Übergang von einer eher verdeckten und nicht-teilnehmenden zur offenen und teilnehmenden Beobachtung, von der Zuspitzung einer deskriptiven hin zu fokussierter Beobachtung, von einem Rollenwandel des Forschers im Feld und von der Kombination verschiedener Methoden. [13]

Blieb RASCHKE, wenn auch seinem Forschungsgegenstand mit Sympathie verbunden, von seiner Rollenzuschreibung immer Wissenschaftler, so gibt es andere Studien, für welche die Autoren politische Willensbildungsprozesse zum Beobachtungsgegenstand gemacht haben, an denen sie selbst als Akteure unmittelbar beteiligt waren. Beispielsweise ist MAYER (1993) als Stadt- und Kreisrat mit Entscheidungen zum Straßenbau konfrontiert worden und hat diese kommunalpolitischen Erfahrungen zur Überprüfung der Politikverflechtungs-Theorie von SCHARPF (BENZ, SCHARPF & ZINTL 1992) genutzt. Aus der Akteursperspektive studierte er das Verhältnis eines Landkreises zu seinen kreisangehörigen Kommunen. Leider unterlässt er jede Überlegung zu den damit verbundenen methodischen Problemen. Inwiefern ist er durch seine eigene Position bei der Beobachtung beeinflusst worden? Wussten seine Kommunikationspartner vom Vorhaben, den Entscheidungsprozess zu dokumentieren, und wie veränderte sich dadurch die doppelte Rolle des Kommunalpolitikers und Forschers? [14]

Innerhalb der Parlamentarismusforschung ist es FENNO gewesen, der die teilnehmende Beobachtung erstmals systematisch angewandt und überdies methodisch reflektiert hat. Während er sich in seiner ersten großen Arbeit über den US-Kongress "Congressmen in Committees" (1973) noch ganz auf Interviewdaten verlassen hatte, entwickelte er in seiner Studie über die Wahlkreisarbeit der Mitglieder des Repräsentantenhauses ein methodisches Verfahren, das er – so einfach wie treffend – mit "soaking and poking – or just hanging around" umschrieb (1978, S.249). Indem er von 1970 bis 1977 in insgesamt 110 Arbeitstagen und 36 Besuchen 18 Abgeordnete bei ihrer Wahlkreisarbeit beobachtend begleitete und diese Beobachtungen später teilweise durch Interviews ergänzte, gelang es ihm, ein komplexes Bild von den prägenden Merkmalen und subjektiven Varianten des Verhaltens von Parlamentariern in ihren Wahlkreisen zu zeichnen. Orientiert an der einfachen Leitfrage, wie ein Abgeordneter seinen Beruf ausübt, entwickelte er daraus später induktiv seine Theorie des Wahlkreisstils. Jene besagt, dass sich die Wahlkreisarbeit von Abgeordneten durch vier Einflussgrößen bestimmt: Durch die Perzeption des Wahlkreises seitens der Abgeordneten, durch die Komponenten des Wahlkreisstils (Ressourceneinsatz und Selbstdarstellung), durch die Praktiken der Politikdarstellung und durch äußere Veränderungen des Wahlkreises (vgl. PATZELT 1993a und 1993b). Im Anhang des Buches "Home Style. House members in their districts" beschreibt FENNO sein methodisches Vorgehen bei der teilnehmenden Beobachtung von Parlamentariern und verbindet damit den Wunsch, "der teilnehmenden Beobachtung innerhalb der politikwissenschaftlichen Methodologie einen größeren Stellenwert zu verschaffen" (1978, S.250). Dieses Vorhaben führt er in späteren empirischen und methodischen Publikationen fort (1986 und 1996). FENNO verwendet den Begriff der "interactive observation", um einerseits die methodische Vielfalt des Beobachtungsprozesses, der neben Beobachten, aus Reden, Zuhören und Interviewen besteht und andererseits das beständige Wechselverhältnis von Datensammlung und Interpretation zu beschreiben.

"It is not like looking through a one-way glass at someone on the other side. You watch, you accompany, and you talk with the people you are studying. Much of what you see, therefore is dictated by what they do and say. If something is important to them, it becomes important to you. Their view of the world is as important as your view of that world. You impose some research questions on them, they impose some research questions on you. That interaction has its costs – most notably in a considerable loss of control over the research process. It also has benefits. It brings you especially close to your data" (FENNO 1986, S.3). [15]

Nach FENNO ist mit der teilnehmenden Beobachtung dreierlei möglich, was allein durch Interviews nicht zu erreichen wäre: Sie ermöglicht dem Forscher, erstens, sich der Weltsicht der beobachteten Akteure besser anzunähern, zweitens, Verhaltensmuster täglichen Handelns zu entdecken und, drittens, ein Gefühl und nicht nur ein intellektuelles Wissen für seinen Untersuchungsgegenstand, zu erlangen. Prägendes Kennzeichen der Beobachtung ist dabei immer, dass sie – wie ihr Untersuchungsgegenstand selbst: die Politik – kontextuell und sequentiell ist. Die Zumutung an den Politikwissenschaftler als Beobachter, sich beständig in neuen, unbekannten Kontexten bewegen zu müssen und seinen Untersuchungsgegenstand nur episodisch, in unregelmäßigen Intervallen beobachten zu können, schärft das Verständnis für die Verlaufsformen politischer Prozesse. [16]

Die persönliche Begleitung einzelner Akteure ist aber nicht die einzige Möglichkeit des Feldzuganges, um Vertretungskörperschaften zu beobachten und ihre Arbeitsweise zu beschreiben. THAYSEN (1990) nahm als Beobachter am zentralen Runden Tisch der DDR teil, der den Übergang vom SED-Regime bis zu den ersten freien Volkskammerwahlen 1989 gestaltete. Er schildert die Organisation und Arbeitsweise des Runden Tisches und wie dieses Übergangsgremium in Parlamentsfunktionen eintrat. Die mit seiner Rolle als Beobachter zusammenhängenden Schwierigkeiten spricht THAYSEN kurz im Vorwort seines Buches an. Die dort hervor scheinenden Fragen und Zweifel verweisen auf typische, mit der Beobachtungsmethode verbundene Probleme: Wie soll der Beobachter mit der Fülle der auf ihn einstürmenden Eindrücke umgehen? Wie soll er sie dokumentieren und die gesammelten Daten analysieren? Und wie soll sich der Forscher im Feld verhalten – als neutraler Fremder in prinzipieller Distanz oder als Akteur, der seine Einsichten an die Beobachteten zurückgibt und sie mit ihnen diskutiert? THAYSEN schreibt, sich für letzteren Weg entschieden zu haben. Darüber hinaus aber lässt er den Leser über die Lösung der methodischen Probleme im Unklaren, mit denen er konfrontiert war. [17]

Auch ISMAYR macht keine näheren Angaben zu seinen Erfahrungen mit der Beobachtungsmethode. Für seine grundlegende Darstellung über die Funktionsweise des Deutschen Bundestages hat er an den Sitzungen von Fachausschüssen, Fraktionsversammlungen und Fraktionsarbeitskreisen teilgenommen. Der Vergleich der Beobachtungen mit den Auskünften und Stellungnahmen der befragten Abgeordneten bzw. der Mitarbeiter der Fraktionen und der Bundestagsverwaltung sollte ihm eine angemessene Fundierung der Darstellung ermöglichen (2001, S.14). [18]

Der Soziologe FREUDENBERG (1986) hat seine Zeit als Praktikant in einem Unterausschuss des US-Kongresses für einen "Ethnographic Report on Congressional Culture" genutzt, in dem er die Arbeitsweise und die Wahrnehmungsformen von Kongressmitarbeitern schildert und Aspekte der Parlamentskultur des Kongresses beschreibt. FREUDENBERG wirbt dafür, dass Soziologen ihre (zeitweilige) Tätigkeit außerhalb von Universitäten nicht nur nutzen sollten, um ein Einkommen zu erzielen, sondern auch um neue Einsichten zu gewinnen. Durch solche Beobachtungen ließen sich nämlich vorhandene theoretische Konzepte auf neue institutionelle Kontexte beziehen, geübte soziologische Beobachter könnten hergebrachte Annahmen über die Funktionsweise der sie beschäftigenden Institution aufbrechen und es könnten neue Herausforderungen für die Sozialwissenschaft entdeckt werden. Wie aber mit den methodischen Problemen umzugehen ist, die sich aus der Integration eines Forschers in institutionelle Arbeitszusammenhänge ergeben, bleibt auch bei FREUDENBERG unerwähnt. [19]

3. Erfahrungen aus der Forschungspraxis

Die nun im Folgenden geschilderten Erfahrungen mit der teilnehmenden Beobachtung als Instrument der politikwissenschaftlichen Forschung gehen auf zwei verschiedene Forschungsprojekte auf dem Gebiet der Parlamentarismusforschung zurück.3) In einem ersten Projekt zur Wahlkreisarbeit und gesellschaftlichen Vernetzung von Abgeordneten wurden 1996/97 insgesamt 26 Abgeordnete über 240 Stunden lang bei ihrer Arbeit beobachtend begleitet. Ein Ziel der kombinierten Beobachtungs- und Interviewstudie war es, über die Berufswirklichkeit von Parlamentariern in ihren Wahlkreisen sowie ihre gesellschaftliche Vernetzung aufzuklären. Dazu war eine Feinanalyse der Tätigkeiten und Aufgaben von Abgeordneten sowie ihrer Kontaktnetzwerke in den Wahlkreisen notwendig. Indem die Abgeordneten von Wissenschaftlern jeweils zwei bis drei Tage lang ganztägig begleitet wurden, konnte umfassend nachgezeichnet werden, mit welchen Anforderungen und Situationen Parlamentarier in ihrem Alltagsleben konfrontiert sind und wie sie mit diesen umgehen (PATZELT, ALGASINGER & EBERT 1999). [20]

Dieses Projekt gleichsam ergänzend wurde in den Jahren 1999-2002 in einem Nachfolgeprojekt mit dem Titel "Abgeordnetenalltag im Parlament: politische Praktiken und Willensbildungsprozesse" (PATZELT 1998a) die Arbeit von Abgeordneten im Parlament beobachtet, wiederum ergänzt um eine Interviewstudie. Dazu gelang es, in einem bundesdeutschen Landtag und im Deutschen Bundestag Zugang zu allen bzw. den meisten Arten von Gremien zu erhalten und als Beobachter in 79 verschiedenen Gremiensitzungen über 239 Beobachtungsstunden anwesend zu sein. Ziel dieses Projektes ist eine umfassende Analyse der alltäglichen Praxis der Parlamentsarbeit. Wie sieht die Alltagsarbeit in verschiedenen parlamentarischen Gremien aus? Wie verlaufen formelle und informelle Entscheidungsprozesse? Welche Kommunikations- und Interaktionsformen prägen den parlamentarischen Alltag? Kurzum: Wie stellt sich die Berufswirklichkeit von Abgeordneten bei der Arbeit innerhalb ihrer jeweiligen Parlamente dar? Der folgende Werkstattbericht bezieht sich vor allem auf dieses zweite Projekt, greift vergleichend aber auch auf die Erfahrungen des ersten zurück. [21]

3.1 Offen oder geschlossen? Beobachtungsleitfaden oder Beobachtungsschema?

Wissenschaftliches Beobachten ist kein impressionistisches Herumschauen, und so bedarf es vor dem Betreten des Untersuchungsfeldes einer genauen Beantwortung der Frage, was beobachtet werden soll. Das gilt auch für die so genannte unstrukturierte, offene Beobachtung. Wie bei anderen methodischen Vorgehensweisen auch, müssen die theoretischen Forschungsfragen operationalisiert werden; aus abstrakten Begriffen müssen konkrete Beobachtungsfragen entwickelt werden. Diese können dann in einem so genannten Beobachtungsleitfaden festgehalten werden. In der Regel ist es in Kontexten, in denen Politikwissenschaftler beobachtend agieren, kein Problem einen solchen Beobachtungsleitfaden auch mit ins Feld zu führen. Ob Ausschusssitzung, Parteitag oder Pressekonferenz: Wo politische Akteure auftreten, ist das meist mit einem erheblichen Papieraufkommen verbunden, so dass der sich in seinem Beobachtungsleitfaden orientierende Forscher nicht weiter auffallen wird. Trotzdem dienen die Leitfäden nicht in erster Linie zur Mitführung ins Feld. Sie sollen die Orientierung des Beobachters auf die Forschungsfragestellung sicher stellen, ihn auf die zu erwartende Beobachtungssituation vorbereiten und ihn für diese sensibilisieren. Außerdem erleichtert der Leitfaden die Koordination verschiedener beteiligter Wissenschaftler und ggf. die Aufteilung von Beobachtungsschwerpunkten. Ein Beobachtungsleitfaden ist also, im Gegensatz zum Beobachtungsschema, kein den Beobachtungsverlauf strukturierendes oder gar Kategorien zur Klassifikation enthaltendes Instrument. Idealerweise geschieht die Orientierung des Beobachters auf die untersuchungsleitenden Fragestellungen bereits während der Erstellung des Leitfadens, also in dem Prozess, in dem aus dem theoretischen Vorverständnis eines Untersuchungsgegenstandes konkrete Forschungsfragen entwickelt werden. Die Erarbeitung eines Beobachtungsleitfadens und die Durchführung der Beobachtung sollten deshalb in einer Hand liegen. Unsere Versuche, nicht an der Formulierung der Forschungsfragestellungen und der Beobachtungsinstrumente beteiligte Personen als Beobachter einzusetzen, haben trotz vorhergehender Schulungen, in denen eine Einführung in die Beobachtungstechnik erfolgte, regelmäßig zu unbefriedigenden Feldprotokollen geführt. Diesen ist entweder die Oberflächlichkeit der Beobachtung anzumerken oder sie weisen erhebliche Beobachtungslücken auf. [22]

Sofern die teilnehmende Beobachtung mit einer Interviewstudie kombiniert wird, erfolgen die Konstruktion von Interview- und Beobachtungsleitfäden parallel. Dazu hat sich die systematische Erarbeitung einer Forschungsmatrix bewährt (vgl. PATZELT 2001, S.155). Jene wiederum ist aus den theoretischen Vorüberlegungen, die zur anschaulicheren Verdeutlichung möglicher Wirkungszusammenhänge in einem Pfeilmodell zusammengefasst werden können, entwickelt worden. Die Leitfadenerstellung erfolgt also in vier Stufen:



Schaubild 1: Stufen der Leitfadenerstellung [23]

Die Erarbeitung einer Forschungsmatrix sollte ihren Ausgangspunkt in den Variablen des theoretischen Modells nehmen. In unserem Fall bot sich ein fünfschrittiges Vorgehen an. Jeder Schritt entspricht einer Spalte in der unten abgebildeten Matrix. Zuerst waren die Forschungsfragen, jeweils bezogen auf die einzelnen Variablen, zu formulieren. Sodann waren die am besten geeigneten Methoden zur Beantwortung der Forschungsfragen zu ermitteln. Ebenso waren Überlegungen nach den ergiebigsten Informationsquellen anzustellen. Welche Personengruppen sollten beobachtet bzw. interviewt werden? Auf welche Gremien hatte sich die Aufmerksamkeit der Forscher zu richten? Erst im letzten Schritt erfolgte dann die Operationalisierung konkreter Beobachtungsaufgaben bzw. Interviewfragen. Der beispielhafte Auszug aus der Forschungsmatrix illustriert das Vorgehen.



Schaubild 2: Forschungsmatrix [24]

Weil sich die aus der Forschungsmatrix entwickelte Zusammenstellung der perzeptionsleitenden Fragestellungen als sehr umfangreich erwies, wurde zur Mitführung ins Feld eine Kurzfassung des Beobachtungsleitfadens erstellt. Jene diente nicht nur zur eigenen Orientierung, sondern konnte gegenüber skeptischen Abgeordneten, die Vorbehalte gegen die Teilnahme von wissenschaftlicher Beobachtern an – z.T. sehr überschaubaren – Gremiensitzungen hatten, als Ausweis für die "Harmlosigkeit" des Forschungsinteresses verwendet werden. Es liegt an der zunehmenden Vertrautheit mit dem Beobachtungsleitfaden und dem Forschungsfeld, dass der Leitfaden im fortlaufenden Forschungsprozess immer seltener zur Orientierung herangezogen wurde. Allerdings muss der beobachtende Politikwissenschafter darauf achten, im Umgang mit dem Leitfaden Internalisierung nicht mit Ignorierung zu verwechseln. [25]

3.2 Die Auswahl der Stichprobe

Die Auswahl der Stichprobe für eine Beobachtungsstudie ist enger noch als bei anderen Forschungsvorhaben mit der Frage des Feldzuganges verknüpft. Politische Entscheidungsprozesse finden nun einmal häufig unter Ausschluss der Öffentlichkeit und hinter verschlossenen Türen statt, was für den politikwissenschaftlichen Beobachter einige Restriktionen beim Feldzugang mit sich bringen kann. Die Auswahl des Untersuchungssamples sollte dennoch nicht mit der berühmten "Schere im Kopf" in Hinblick auf antizipierte Zugangsverweigerungen beginnen. Schon Richard FENNO hat gewarnt: "Beware of political scientists bearing gifts of access" (1990, S.60). [26]

Da bei der Beobachtung von Parlamenten und ihren Akteuren sowohl Totalerhebungen als auch die Untersuchung repräsentativer Stichproben weder arbeitsökonomisch möglich noch forschungspraktisch sinnvoll sind, bedarf es anderer Auswahlstrategien zur Zusammenstellung eines Forschungssamples. Die Auswahlvorschläge in der Methodenliteratur lassen sich auf zwei idealtypische Verfahren zurückführen: Die Vorabfestlegung der Stichproben-Struktur einerseits und die schrittweise Bestimmung der Stichprobe im Forschungsprozess andererseits (FLICK 1995, S.78-91). Kommt ersteres Verfahren zur Anwendung, so muss bereits eine Vorstellung von der Verteilung bzw. der Typik von Eigenschaften im Untersuchungsgegenstand existieren. In der zu ziehenden Stichprobe sollen sich diese Eigenschaften so abbilden, dass Rückschlüsse auf die Verhältnisse im Gegenstand insgesamt möglich sind. Die Kriterien für die Auswahl von Fällen für die Datenerhebung sind abstrakt, weil sie nicht aus dem zu untersuchenden Material gewonnen wurden, sondern geleitet von theoretischen Vorüberlegungen oder Vorkenntnissen. [27]

Bei der schrittweisen Festlegung der Samplestruktur dagegen wird erst im Verlauf des Forschungsprozesses über die Auswahl und Zusammensetzung des empirischen Materials entschieden. Dieses so genannte "theoretische Sampling" (GLASER & STRAUSS 1967) dient der Generierung von Theorien. Es findet dort Anwendung, wo das Vorwissen über einen Gegenstand gering und die Merkmale der Grundgesamtheit nicht vorab bekannt sind. In die Untersuchung werden dann solche Fälle einbezogen, die vor dem Hintergrund der im bisherigen Forschungsprozess gewonnenen Erkenntnisse am meisten Gewinn versprechen, die eigene Theoriebildung voranzutreiben. Weil die Möglichkeiten der Einbeziehung weiterer Fälle prinzipiell unbegrenzt sind, bedarf es auch bei diesem Auswahlverfahren theoretischer Kriterien zur Begrenzung der Stichprobe. Die Kriterien stehen aber nicht im vornherein fest, sondern leiten sich aus der während der empirischen Analysen entwickelnden Theorie ab. [28]

Hier nun zeigen sich Ähnlichkeiten der beiden Auswahlstrategien. Im Ergebnis entsteht auch beim theoretischen Sampling eine strukturierte Stichprobe, die sich nach bestimmten Feldern und Dimensionen unterscheiden lässt. Umgekehrt lässt sich auch bei einer Vorabfestlegung der Stichprobenstruktur an das theoretische Sampling anknüpfen, indem nämlich Entscheidungen über die Besetzung bestimmter Zellen der Samplestruktur erst während des Forschungsprozesses getroffen werden bzw. die Stichprobe erweitert wird, sofern sich das während der empirischen Erhebung als sinnvoll erweisen sollte. Ein solches Verfahren einer nach theoretischen Kriterien vorab ausgewählten Stichprobe, die aber für Erweiterungen und Modifikationen im Forschungsprozess offen ist, hat sich in den hier vorgestellten Projekten bewährt: [29]

Im Fall der Wahlkreisstudie ist darauf zu achten gewesen, trotz einer relativ geringen Anzahl zu untersuchender Wahlkreise die Heterogenität möglicher Prägefaktoren der Wahlkreisarbeit abzubilden. Dazu mussten bei der Stichprobenauswahl vor allem Fragen nach der soziographischen Struktur der Wahlkreise beantwortet werden, z.B. ob es sich um einen großstädtischen oder einen ländlichen Wahlkreis handelt, wie der vorpolitische Raum in der Region beschaffen und welche Siedlungsstruktur vorherrschend ist. Weil solche Merkmale nicht unabhängig voneinander sind, wurden Extremtypen von Wahlkreisen festgelegt, die bei der Auswahl der Untersuchungsfälle berücksichtigt wurden: Ein großstädtischer Wahlkreis mit einer relativ großen Anonymität der Wohnbevölkerung und ein ländlicher Wahlkreis mit entwickeltem vorpolitischen Raum. Weil außerdem ein Ost-West-Vergleich erfolgen sollte, war es notwendig jeweils ein Bundesland aus den alten und neuen Bundesländern in die Auswahl einzubeziehen. In den ausgewählten Wahlkreisen sollten alle dort tätigen Parlamentarier der im jeweiligen Landtag bzw. im Bundestag vertretenen Parteien beobachtet werden – verbunden mit einer Interviewstudie, in welche die Abgeordneten selbst, aber auch ihre wichtigsten Rollenpartner einzubeziehen waren. Während die Gruppe der zu beobachtenden und befragenden Parlamentarier im Vorfeld also weitgehend festgelegt war, musste sich die der wichtigsten Rollenpartner im Forschungsprozess erst herauskristallisieren. [30]

Auch die Auswahl zu beobachtender Gremien für die Parlamentsstudie erfolgte theoriegeleitet. Dazu wurde – bildlich gesprochen – ein archäologischer Schnitt durchs Parlament gezogen, der bei den zu beobachtenden Ausschüssen begonnen wurde. Die Auswahl der Ausschüsse wurde von zwei Gedanken geleitet: Erstens waren Ausschüsse ähnlichen strukturellen Zuschnitts in den beiden untersuchten Parlamenten ausfindig zu machen. Zweitens waren die unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkte von Parlamentsausschüssen zu berücksichtigen, also ein begleitender Fachausschuss und ein Gesetzgebungsausschuss einzubeziehen. Sodann wurden sämtliche Arbeitskreise bzw. -gruppen der Fraktionen identifiziert, die den zwei ausgewählten Ausschüssen, dem Innenausschuss und dem Landwirtschaftsausschuss, fachlich zugeordnet sind. Später wurde auch die Befragungsgruppe für die Interviewstudie aus den beobachteten Gremien rekrutiert. Unter anderem wurden die Arbeitskreisvorsitzenden und fachpolitischen Sprecher für die Bereiche Inneres und Landwirtschaft sowie die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden befragt, die diese Fachbereiche betreuen. Zusätzlich zu den so genannten Fachstrukturen der Fraktionen waren die Steuerungsgremien sowohl der einzelnen Fraktionen als auch des Parlaments insgesamt in die Untersuchung einzubeziehen, z.B. die Fraktionsvorstände, die Runde der Parlamentarischen Geschäftsführer oder der Ältestenrat. Mit der so ausgewählten Beobachtungsstichprobe sollte es – so die hinter der Auswahl stehende Idee – gelingen, einen Überblick über die Arbeitsweise aller Fraktions- und Parlamentsgremien und ihre Verknüpfungen und Beziehungen untereinander zu erhalten. Aber war die mit unserem vorhandenen Strukturwissen über Parlamente entwickelte Stichprobe tatsächlich vollständig? Schon bald nach dem Beginn der Feldarbeit sollte sich zeigen, dass eine Fülle weiterer Gremien, etwa vorbereitende Unterarbeitsgruppen, institutionalisierte Mitarbeiterbesprechungen oder informelle Koalitionsgremien, die wir nicht in unsere Stichprobe aufgenommen hatten, Einfluss auf das parlamentarische Geschehen ausüben können. Hier war also eine schrittweise Erweiterung des Samples angeraten. Zuvor aber musste das Problem des Feldzuganges geklärt werden. [31]

3.3 Der Feldzugang

Der Präsident der US-amerikanischen "Policy Studies Organisation" William P. BROWNE (1999) plädierte jüngst dafür, dass sich Politikwissenschaftler um intensivere Beziehungen zur politischen Praxis kümmern sollten. Regelmäßige Kontakte zu politischen Akteuren seien nicht nur wertvoll, um politikberatend Einfluss zu nehmen, sondern böten überdies "wundervolle Möglichkeiten", um Zugang zu politikwissenschaftlich relevanten Daten zu erhalten, die auf anderem Wege nicht zu erlangen wären. Das bestätigen auch die Erfahrungen unserer Beobachtungsstudie: Während sich der Feldzugang im untersuchten Landesparlament aufgrund der über Jahre gewachsenen Beziehungen des Projektleiters zu allen Landtagsfraktionen als vollständig unproblematisch erwies, und sich kurzfristig auftretende Probleme mit einem Griff zum Telefonhörer informell lösen ließen, war beim Zugang zum Bundestag mehr erklärende und werbende Überzeugungsarbeit nötig, um alle Fraktionen für das Projekt zu interessieren. Neben Reputation und persönlicher Bekanntheit gibt es nach den praktischen Erfahrungen unserer Beobachtungsstudien eine Reihe weiterer Faktoren, die den Feldzugang erleichtern können: [32]

3.3.1 Beharrlichkeit beweisen

Nicht nur Politik ist das Bohren dicker Bretter, sondern auch die Forschung über sie. Politiker werden mit einer Fülle von Anfragen und Terminwünschen überschüttet und tendieren daher dazu, ihre Terminkalender von allen zusätzlichen Verpflichtungen frei zuhalten. Oft gelingt es nicht einmal an den so genannten "Gatekeepern", den Mitarbeitern, die die Arbeit von Parlamentariern und Regierungsvertretern koordinieren, vorbei zu kommen, um an "höchster Stelle" um Unterstützung für die Forschungsarbeit zu werben. Es bedarf also nicht nur eines langen zeitlichen Vorlaufes, bis das Forschungsfeld zugänglich ist, sondern auch wiederholten beharrlichen Nachfragens und Drängens, um zu Terminvereinbarungen zu gelangen. Dabei sollte man sich nicht durch eigene Bedenken, der anderen "Verhandlungsseite" schon gehörig auf die Nerven gegangen zu sein, zurückhalten lassen. Auch im politischen Alltagsgeschehen sind nur diejenigen erfolgreich, die ihre Interessen immer und immer wieder formulieren. Hartnäckiges freundliches Insistieren gehört hier einfach zum Geschäft. [33]

3.3.2 Hierarchien und Vermittlungspersonen nutzen

Regierungsbehörden, Verwaltungen und auch Parlamente sind hierarchisch gegliederte Organisationen. Entsprechend wichtig ist es, ihr Leitungspersonal, die "Torwächter", für das Forschungsvorhaben zu interessieren und ihr Einverständnis für den Zugang zur untersuchten Institution zu erhalten. Kann man sich auf die Unterstützung der Leitungsebene berufen, funktioniert der Zugang zu den untergeordneten Ebenen i.d.R. problemlos. Allerdings ist in bürokratischen Organisationen zu beachten, dass das Wohlwollen der jeweiligen Führungsetage beim Kontakt zu untergeordneten Mitarbeitergruppen auch zu Misstrauen führen kann. Dann nämlich, wenn es Konflikte in der Organisationshierarchie gibt und die Forscher als Interessenvertreter der Führungsetage wahrgenommen werden. Torwächter gibt es auf den verschiedensten Ebenen und bei der Kontaktaufnahme sollte ihre Rangfolge beachtet werden. Im Fall der Parlamentsstudie erwies es sich als erfolgreich, bei den Vorsitzenden der Steuerungsgremien und ihren "Geschäftsführern" (Parlamentspräsident und Parlamentsdirektor, Fraktionsvorsitzende und ihre Parlamentarischen Geschäftsführer) schriftlich um einen Termin nachzusuchen, um das geplante Forschungsprojekt vorstellen zu können. Solche Gespräche können entscheidende Weichenstellungen sein, Bewerbungsgesprächen nicht unähnlich. In ihnen sollte man nicht nur Sinn und Zweck des Forschungsprojektes "politikerkompatibel", das heißt komprimiert, bildhaft und den abstrakten Jargon der Wissenschaft vermeidend (siehe hierzu den Abschnitt 3.3.4 "Sinn vermitteln") erläutern sowie Vertrauenswürdigkeit und Professionalität ausstrahlen (siehe hierzu den Abschnitt 3.3.5 "Professionalität zeigen"), sondern auch die Bitten und Ansprüche, die man seinerseits an den Gesprächspartner hat, konkret benennen können. So schnell nämlich wird man nicht wieder die Gelegenheit erhalten, substantielle Unterstützung (Hausausweise, Büroräume, Ansprechpartner) bei höchsten Entscheidungsträgern erbitten zu können. Im parlamentarischen Bereich kann man sich bei der Suche nach Unterstützung auch die Konkurrenz der verschiedenen Fraktionen zu Nutze machen. Hat man nämlich erst einmal anerkannte Akteure für das Forschungsvorhaben gewonnen, werden dem andere nicht nachstehen wollen. Es bietet sich also an, die Kontaktaufnahme nicht bei parlamentarischen Außenseitern zu beginnen. Während der ersten Annäherung ans Feld kann man bereits erste Hinweise auf die Organisationskultur der Institution bzw. ihrer Gremien erhalten: Verläuft die Planung und Vorbereitung des Feldzugangs formalisiert und präzise geplant oder informell und ad hoc? Entscheiden einzelne Akteure über die Möglichkeit des Zugangs oder werden damit erst die Gremien befasst? Lässt man die Forschenden frei gewähren oder kontrolliert man genau, wann und zu welchen Sitzungen sie zugelassen werden? Beispiele aus zwei verschiedenen Fraktionen illustrieren das: Während die Teilnahme an Gremiensitzungen einer Fraktion im Rahmen eines vorher aufgestellten Zeitplanes erfolgte, und sogar der Wunsch geäußert wurde, die beteiligten Forscher mögen eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben, hieß es in einer anderen Fraktion, man solle sich die für die Forschungsgruppe besten Termine aussuchen. Es genüge, kurzfristig Bescheid zu geben, an den Sitzungen welcher Gremien man teilzunehmen wünsche. Nicht immer erwies sich das offenere, weniger reglementierte Verfahren als das für die Forschenden angenehmere – dann nämlich, wenn die Anwesenheit der Beobachter vorher nicht ausreichend kommuniziert worden war und der Wunsch nach Zugang zum Gremium vor Ort begründet werden musste. [34]

3.3.3 Mentoren gewinnen

Um solche Schwierigkeiten zu vermeiden, sollte versucht werden, einen "Mentoren" zu gewinnen, dem vor allem drei Aufgaben zukommen:

  • Hilfestellung bei der Organisation des Feldzugangs gewähren.

  • Als Clearingstelle bei auftretenden Problemen zur Verfügung stehen.

  • Als Kontaktperson die Verbindung zu weiteren institutionellen Akteuren herstellen, als "Türöffner" dienen. [35]

Weil ein solcher Mentor problemlos zugänglich sein sollte und über zeitliche Reserven zur Betreuung der Forscher verfügen muss, darf er in der Organisationshierarchie nicht zu hoch angesiedelt sein. Andererseits muss er aber jederzeit über Zugang zu allen wichtigen Entscheidungsträgern verfügen. Während der Parlamentsstudie boten sich für diese Aufgaben beispielsweise die Fraktionsgeschäftsführer bzw. die Referenten der Parlamentarischen Geschäftsführer an. Unserer Erfahrung nach hat es sich bewährt, die Mentoren zu bitten, zum Beginn der Feldarbeit eine Organisationsrunde mit den Mitarbeitern weiterer wichtiger Akteure einzuberufen. So ist es möglich gewesen, ein Netzwerk von Ansprechpartnern zu schaffen, mit denen der Zugang zu den einzelnen Gremien organisiert werden konnte und die bei der Vermittlung von Interviewterminen behilflich waren. [36]

3.3.4 Sinn vermitteln

Während der Organisation des Feldzuganges und auch während der Feldphase wird den Forschenden immer wieder die Frage begegnen, welchen Sinn die Forschungsarbeiten ergäben und wann mit der Vorstellung erster Ergebnisse zu rechnen sei. Ist man nicht entsprechend vorbereitet, prallen spätestens bei solchen Fragen die unterschiedlichen Sprachcodes des politischen und des politikwissenschaftlichen Systems aufeinander. Denn natürlich sind die beforschten Akteure nicht am aktuellen Stand der akademischen Theoriebildung interessiert, sondern erwarten vom Wissenschaftler handfeste, in der Alltagsarbeit verwendbare Empfehlungen. Da die universitätsgebundene politikwissenschaftliche Forschung in den seltensten Fällen direkt für eine Organisationsberatung geeignete Ergebnisse generiert, häufig sogar zuerst in theoriebildender Absicht erfolgt, kann der Forscher hier schnell in eine no-win-Situation geraten: Keine "Gegenleistung" für die Feldzulassung anbieten zu können, kann seitens der Politiker zu Zweifeln am Sinn des Projektes führen, Beratungsergebnisse zu versprechen und die geweckten Erwartungen am Ende nicht zu erfüllen, schadet der Reputation und verbaut das Feld für weitere Forschungen. Zwei Dinge also sollten Politikwissenschaftler tun, die in so intensivem Kontakt zu politischen Akteuren stehen, wie es bei teilnehmenden Beobachtern der Fall ist: Erstens sich auf die Sprachspiele politischer Praktiker einlassen und zweitens mögliche gemeinsame Interessen von Wissenschaft und Politik an den zu erwartenden Forschungsergebnissen formulieren. Ein solches gemeinsames Interesse kann es sein, einen Beitrag zur politischen Bildung und gegen Vorurteile gegenüber der Politik zu leisten, indem man erklärt, wie Parlamente wirklich arbeiten. [37]

3.3.5 Professionalität zeigen

Die Sicherung des Feldzugangs ist ein permanenter Prozess und sein Erfolg wird auch davon abhängen, wie sich die Forschenden im Feld präsentieren und bewegen. Professionelles Verhalten im Feld hat zwei Seiten: Die eine ist Wissenskompetenz, die andere soziale Kompetenz. Zur Wissenskompetenz gehört einerseits über die aktuellen politischen Diskussionen und Probleme unterrichtet zu sein, die in der beobachteten Institution virulent sind. Das klingt banal, ist aber um so mehr eine Herausforderung, je spezialisierter eine untersuchte Organisation oder ihre Einheiten sind. Andererseits zählt zur Wissenskompetenz auch, ein genügendes Fachwissen über die Strukturen, die Arbeitsweise und die wichtigsten Akteure des Forschungsgegenstandes mitzubringen. Bei unserer Parlamentsstudie begann die Feldarbeit mit dem Studium der Tagesordnungen der zu beobachtenden Gremien und der Biografien der wichtigsten in den Gremien vertretenen Abgeordneten. Auch die Beschäftigung mit der Rolle der zu besuchenden Gremien im Gesamtgefüge der Institution gehörte dazu. Beide Arten von Vorwissen sind nicht nur notwendig, um die erhobenen Beobachtungsdaten richtig einzuordnen und im Feld nicht überfordert zu sein, sondern auch um der Rolle eines Experten, mit der man als Wissenschaftler im Feld zwangsläufig identifiziert wird, gerecht zu werden. Unweigerlich wird man während der Feldforschung in Diskussionen zu politischen oder politikwissenschaftlichen Fragen verwickelt sein. Da gilt es kommunikationssicher reagieren zu können, was auch heißen kann, sich nicht in politische Auseinandersetzungen hinein ziehen zu lassen. [38]

Spätestens hier kommt die soziale Kompetenz ins Spiel. Nicht selten nämlich wird man zwischen der Anforderung, offen, ehrlich und sachkundig Auskunft zu geben einerseits und der Loyalität gegenüber dritten andererseits, die vor allem darin besteht, Wissen aus anderen Fraktionen oder Parteien nicht weiterzugeben, einen guten Mittelweg wählen müssen. Zur sozialen Kompetenz gehört auch, ein sensibles Gespür für atmosphärische Entwicklungen zu haben. Manchmal ist es nämlich angezeigt, sich als Beobachter zurückzuziehen oder nicht auf die Einhaltung verabredeter Termine zu drängen, um den Feldzugang insgesamt nicht zu gefährden. Beispielsweise kann es vorkommen, dass zwar der Vorstand eines Gremiums der Teilnahme von Beobachtern zugestimmt hat, es aber seitens der übrigen Mitglieder Vorbehalte gegen deren Anwesenheit gibt. In solchen Situationen kann es klug sein, den Gremienvorsitzenden nicht zu einer Kraftprobe mit seinen Mitgliedern zu zwingen, sondern von sich aus das Feld zu verlassen, um sich sensibel zu zeigen und langfristig Vertrauen aufzubauen. Auch bei unvorhergesehenen Entwicklungen, Absagen oder unfreundlichen "Verhandlungspartnern" nicht die Contenance zu verlieren und geduldig und freundlich zu bleiben, ist ohnehin eine notwendige Qualifikation eines jeden Beobachters. [39]

3.4 Die Rolle der Beobachter im Feld

3.4.1 Prägefaktoren der Beobachterrolle

Idealtypisch lassen sich vier verschiedene Beobachterrollen unterscheiden, die Forschende bei der teilnehmenden Beobachtung im Feld einnehmen können: Die Rolle des vollständigen Teilnehmers, die Rolle des Teilnehmers als Beobachter, die Rolle des Beobachters als Teilnehmer und die Rolle des vollständigen Beobachters (GOLD 1969). Während der Feldarbeit kommt es, auch wenn Politikwissenschaftler typischerweise die als zweites genannte Rolle einnehmen, immer wieder zu Rollenwechseln. Insbesondere während der Wahlkreisstudie fanden sich die Forscher aufgrund des engen Kontaktes zu den begleiteten Abgeordneten häufig eher in der Rolle von Gesprächspartnern als von Beobachtern wieder. Bei der Beobachtung von Gremien wird die Rolle und der Einfluss der Beobachter auf das Feldgeschehen von verschiedenen Faktoren geprägt: Eine mögliche Einflussgröße ist die Art der Vorstellung und der Einführung der Beobachter ins Feld: Wurde das Gremium vorab über die Anwesenheit von Wissenschaftlern informiert? Werden die Beobachter bei ihrem Besuch vorgestellt oder einfach als zusätzliche Teilnehmer mitgenommen? Wie wird die Funktion der Beobachter dargestellt, oder erhalten die Beobachter sogar selbst die Möglichkeit, Sinn und Zweck ihres Besuches zu beschreiben? Bereits die Einführung wird also darüber entscheiden, ob die Beobachter überhaupt als solche erkennbar sind und wie sie wahrgenommen werden. Es kann auch vorkommen, dass die Anwesenheit von Beobachtern vom Versammlungsleiter instrumentalisiert wird, nämlich um die Teilnehmer – eines guten Eindrucks wegen – zu disziplinierter Mitarbeit und zügigem Vorgehen zu ermahnen. Dass die Anwesenheit von Beobachtern den Beobachtungsgegenstand verändern kann, zeigt die Bemerkung einer Parlamentarierin in einer Fraktionsvorstandssitzung. Nach einer harschen Kontroverse beklagte die Abgeordnete, dass man so doch nicht in der Gegenwart von Besuchern reden dürfe. Einen Einfluss auf die Beobachterrolle hat auch die Gremiengröße: In Gremien mit größerer Teilnehmerzahl bzw. mit wechselnden Teilnehmern, z.B. in Fraktionsversammlungen oder Ausschusssitzungen, werden Beobachter von außen oftmals überhaupt nicht bemerkt. In Arbeitskreisen oder Vorstandssitzungen dagegen werden sie sofort auffallen. Und nicht zuletzt wird auch der den Beobachtern zugewiesene Sitzplatz mit darüber entscheiden, ob sie ihrerseits beobachtet werden können oder nicht weiter sichtbar sind. [40]

3.4.2 Schwierigkeiten bei der Feldarbeit

Von der Wahl des richtigen Sitzplatzes kann der gesamte Beobachtungserfolg abhängen: Während mit einem gesonderten oder "prominenten" Sitzplatz unnötige Aufmerksamkeit auf die Anwesenheit der Beobachter gelenkt werden kann, sind mit einem Platz mitten unter den Teilnehmern wieder andere Probleme verbunden. Dort nämlich kann die direkte Nähe der Akteure die Erstellung von Feldnotizen unmöglich machen. Auch kann die Gefahr einer unfreiwilligen Absorption des Forschers durch das Feld bestehen, wenn er durch auf ihn einströmende Interaktionsaufforderungen von seiner Beobachtungsaufgabe abgelenkt wird. Beispielsweise kann es vorkommen, dass die Beobachter von ihren Sitznachbarn in Diskussionen zu gerade anstehenden Verhandlungsgegenständen verwickelt werden oder dass später eintreffende Teilnehmer von den Beobachtern Auskünfte über den Stand der laufenden Debatte begehren. [41]

Ein anderer, in der Literatur häufig beschriebener Absorptionseffekt ist das so genannte "going native" (GRÜMER 1974, S.115, vgl. GIRTLER 1988). Damit wird ein Prozess umschrieben, in dem der Beobachter unhinterfragt die im Feld geteilten Sichtweisen übernimmt, also durch sein intensives Verweilen im Feld die Außenperspektive des Fremden verliert. Es ist aber gerade die Spannung zwischen der Gewinnung einer Innenperspektive und ihrer distanzierten Beurteilung von außen, die systematische Erkenntnisse über den Beobachtungsgegenstand ermöglicht. Eine zu starke Identifikation mit dem Feld und die Aufgabe der kritischen Distanz zu ihm kann zwar die Teilnahme im Feld erleichtern, erschwert aber die systematische Bewertung der gewonnenen Einsichten. Das ist bei der Lektüre von Forschungsergebnissen zu bedenken, die aus der Rolle beobachtender Teilnehmer entstanden sind. [42]

Zur Wahrung der kritischen Distanz gegenüber dem Feld gehört es auch, als Beobachter strikte Neutralität zu bewahren, z.B. wenn Abgeordnete nach Verfahrensweisen oder Meinungen in anderen Fraktionen fragen. Selbst wenn die Beobachter am Ende der Feldarbeit über eine umfassendere Perspektive verfügen als die beobachteten Akteure, sollten Informationen nicht weitergegeben und Kommentierungen der institutionellen Situation vermieden werden. In der Kommunikation mit den Beobachtungspartnern kann sich der Beobachter als Resonanzboden für deren Deutungen zur Verfügung stellen, er sollte sich aber mit eigenen Urteilen und Bewertungen zurückhalten. [43]

Nicht nur die erwähnte übermäßige Identifikation mit dem Forschungsgegenstand kann systematische Einsichten erschweren, sondern auch das von den Beobachtern mitgebrachte Vorwissen. Verinnerlichte Schulmeinungen oder tradierte Vorstellungen können einerseits Einsichten auf Neues verstellen, wie umgekehrt ein "naiver", unvorbereiteter Blick oder unzureichendes Kontextwissen das Verstehen des Feldgeschehens erschweren können. Fehlende Kontextinformationen fallen umso mehr ins Gewicht, je komplexer das beobachtete Geschehen ist. Solche Komplexität kann verschiedene Formen haben: Stark formalisierte und professionalisierte Gremiensitzungen sind für den Beobachter ebenso eine Herausforderung wie unstrukturiert oder chaotisch verlaufende Entscheidungsprozesse. Die eingespielten Routinen bei der Verständigung über Gesetzesanträge in einer ritualisierten Ausschusssitzung und die dabei verwendeten Sprachcodes und Abkürzungen zu verstehen, kann genauso schwierig sein, wie einer emotionalisierten Kontroverse während einer Fraktionsvollversammlung zu folgen und die sie prägenden Motive und Interessen richtig einzuordnen. Dabei spielt auch die Gremiengröße eine Rolle. Bei der Beobachtung großer Gremien, z.B. von Parteitagen, Stadtverordnetenversammlungen oder Fraktionssitzungen, wird dem Beobachter eher der Gesamtüberblick fehlen und er wird gezwungen sein, sich für die Beobachtung ausgewählter Teilaspekte zu entscheiden. In solchen Fällen kann die Beobachtung durch mehrere Forscher und die vorherige Verständigung über Beobachtungsschwerpunkte nützlich sein. [44]

Nicht zuletzt können Probleme bei der Beobachtung in den Beobachtern selbst liegen. Die Erfahrung zeigt, dass Beobachtungsergebnisse auch von der "Tagesform" der Beobachter abhängig sind. So kann es etwa passieren, dass man am Beginn eines Beobachtungsabschnittes, sich in einer neuen Situation akklimatisierend oder durch andere Akteure abgelenkt, einen "schlechten Start" erwischt und sich deswegen in dem sich zügig entfaltenden Geschehen nicht mehr zurecht findet. Auch lässt sich ein "Müdigkeitsbias" feststellen: Wenn müde oder unkonzentrierte Beobachter einer Situation nicht mehr folgen können, entstehen in den Beobachtungsprotokollen Aufzeichnungslücken. Bei Gremiensitzungen, die mehrere Stunden andauern, werden die Feldnotizen zum Veranstaltungsende hin oft immer dünner. Während der Wahlkreisstudie waren häufig so viele Termine an einem Tag nacheinander zu beobachten, dass am Nachmittag und Abend entstandene Protokolle beträchtliche Lücken aufweisen. [45]

3.5 Protokollierung und Auswertung der Ergebnisse

Eine in der Literatur häufig anzutreffende Empfehlung für die teilnehmende Beobachtung lautet, es zu vermeiden, Notizen in der Anwesenheit seiner Forschungssubjekte anzufertigen. Das könne das normale Verhalten der Beobachteten stören oder beeinflussen und die Beobachtungsergebnisse verfälschen (BROWN 1986). Für die politikwissenschaftliche Beobachtung aber muss diese verbreitete Regel revidiert werden. Im Gegenteil vergeben sich Beobachter, die nicht die Möglichkeit der – i.d.R. problemlos – möglichen Erstellung ausführlicher Feldnotizen nutzen (vgl. Abschnitt 3.1), die Chance, detaillierte und durch Erinnerungslücken unverfälschte Beobachtungsdaten zu sammeln. Natürlich wird es auch Situationen geben, in denen der Verzicht auf das Aufschreiben von Beobachtungsdaten angezeigt ist – etwa wenn Sitzungen einen informellen Charakter haben, von einem Essen begleitet sind oder in kleineren Runden Konflikte aufbrechen, die eine gespannte Aufmerksamkeit aller zur Folge haben. Es bedarf also eines gewissen Fingerspitzengefühls, zu entschieden, ob die Aufzeichnung von Feldnotizen opportun ist oder nicht. [46]

In der ganz überwiegenden Zahl unserer Beobachtungen im parlamentarischen Umfeld ist es möglich gewesen, umfangreiche Feldnotizen zu erstellen. Daraus wurden dann möglichst zeitnah ausführliche Beobachtungsprotokolle am PC erstellt. Trotz der Feldnotizen sollten die Beobachtungen möglichst schnell nach der Beendigung des Beobachtungsvorgangs protokolliert werden. Das ist nicht nur zur Sicherung einer durch Erinnerungslücken unverfälschten Datenqualität nötig, sondern auch aus arbeitsökonomischen Gründen. Es kostet ungleich mehr Mühe und Zeit, Beobachtungsprotokolle zu erstellen, wenn mehrere Beobachtungen direkt nacheinander erfolgt sind oder wenn die Feldnotizen einzelner Beobachtungen wochenlang zur Seite gelegt wurden. Bereits bei der Organisation des Feldzugangs sollten genügend Zeit und ggf. geeignete Räumlichkeiten zur Protokollierung der Notizen eingeplant werden. Je nach institutionellem Kontext wird sich für die meisten der beobachteten Zusammenhänge ein gemeinsames Verlaufsmuster feststellen lassen. Daraus lässt sich nach der Fertigstellung der ersten Beobachtungsprotokolle ein grober Protokollleitfaden erarbeiten, der die Protokollierung und die spätere Auswertung der Beobachtungsdaten erleichtert. Sinnvollerweise orientiert sich dieser Protokollleitfaden an den theoretischen Vorüberlegenen und am Beobachtungsleitfaden (vgl. Abschnitt 3.1). Die während unserer Parlamentsstudie entstandenen Beobachtungsprotokolle haben beispielsweise folgende Struktur gehabt: "a) Rahmendaten, b) Geschehen vor dem informellen Teil, c) Sitzordnung, d) Formale Begrüßungsrituale und Sitzungseröffnung, e) Chronologische Abfolge des Geschehens, f) Atmosphäre, g) Beobachtung zu Stilen und Präferenzrollen, h) Einfluss und Rolle des Vorsitzenden, i) Beobachtungen zu weiteren einflussreichen Personen, j) Formale und informale Regeln, k) Sanktionen, l) Sonstige Beobachtungen, m) Fazit." Neben Teilen, die den chronologischen Verlauf der Sitzungen dokumentieren, finden sich also Abschnitte, die ausgewählte Inhalte zusammenfassen. Außerdem wurde eine so genannte "Wochenschau" erstellt, in der die Beobachtungen innerhalb einer Fraktion über alle Gremien hinweg zusammengefasst, fraktionsspezifische Besonderheiten notiert und erste Systematisierungen festgehalten wurden. Hier zeigt sich, wie eng bei Beobachtungsverfahren die Datenerhebung und die Datenauswertung zusammenliegen. [47]

Eine Methode, eine möglichst große Reliabilität der Beobachtungsdaten zu sichern, besteht in der Mehrpersonen- bzw. Doppelbeobachtung. Alle Beobachtungen werden von mindestens zwei Forschern durchgeführt. Einer der beiden schreibt ein Erstprotokoll, dass vom zweiten Beobachter bearbeitet wird. So können Informationen, die ein Beobachter allein nicht erfasst hätte, ergänzt, Widersprüche offengelegt und (Fehl-) Interpretationen geprüft werden. Schon bei den Feldnotizen und stärker noch bei der ausführlichen Niederschrift der Beobachtungsprotokolle beginnt die Konstruktion von Wirklichkeit im Text. Die Protokolle sind also durch die Selektivität in der Wahrnehmung und Darstellung der Beobachter geprägt. Das Problem der Selektivität äußert sich nicht nur in dem, was ein Beobachter festhält und ein anderer ignoriert, sondern auch in der Art und Weise, wie Vorgänge im Beobachtungsprotokoll geschildert und abgebildet werden. Welche Aufzeichnungen kommen einer neutralen Beschreibung der gemachten Beobachtungen am nächsten, welche werden von subjektiven Sichtweisen und Interpretationen des Protokollanten überwölbt? Die Doppelbeobachtung und -protokollierung hat sich – ähnlich der Erstellung von Feldforschungs-Journalen in der Ethnologie – als ein Verfahren bewährt, mit dem Beobachtungsdaten intersubjektiv nachvollziehbarer und explizierbarer gemacht werden können. Im Prozess der Doppelprotokollierung, in dem am Ende nochmals der Erstprotokollant die Ergänzungen des Zweitprotokollanten kontrolliert, findet eine Verständigung darüber statt, was tatsächlich beobachtet wurde und was Zusammenfassungen oder Interpretationen der Beobachter sind. Interpretationen müssen im Beobachtungsprotokoll in jedem Fall als solche gekennzeichnet sein. [48]

Das Verfahren der Doppelbeobachtung verlangt eine Abstimmung der Beobachter aufeinander, die über Pretests geprüft und verbessert werden kann. Verstehen die Forscher ihre Beobachtungsaufgabe in derselben Weise? Worauf konzentrieren sie ihre Aufmerksamkeit? Wie ist ihr Stil der Beobachtungsprotokollierung – erzählend oder interpretierend, detailliert oder verkürzend? Unsere im Rahmen der Parlamentsstudie durchgeführten Pretests, bei denen Fraktionsvollversammlungen von allen Mitgliedern der Forschungsgruppe gleichzeitig beobachtet und dann separat protokolliert wurden, zeigten eine Reihe von Differenzen zwischen den Beobachtern auf; beispielsweise in der Länge und Detailgenauigkeit der Protokolle, in der Entfernung des Protokollierten vom Beobachtungsleitfaden und im Verhältnis von deskriptiven und interpretativen Teilen. Über die Diskussion und den Abgleich der Ergebnisse aus den Pretests konnten die Protokollstile der beteiligten Forscher einander angenähert werden. [49]

Eine Möglichkeit der Validierung von Beobachtungsergebnissen ergibt sich durch die während längerer Feldaufenthalte entstehenden Kontakte zu politischen Akteuren. Was liegt näher, als Gespräche mit politischen Akteuren am Rande von Gremiensitzungen zu nutzen, um Eindrücke aus den Beobachtungen rückzukoppeln oder um den Bedeutungsgehalt zu ermitteln, den die Beobachtungssubjekte selbst ihnen geben? Darüber hinaus bieten spätere Interviews die Gelegenheit, die Befragten mit Ergebnissen der Beobachtungen zu konfrontieren. FLICK allerdings meint, dass eine solche Form der "kommunikativen Validierung" weniger der Überprüfung von Resultaten dient, sondern vor allem der Erweiterung und Vervollständigung sozialwissenschaftlicher Erkenntnismöglichkeiten (1995, S.251). [50]

So wie bei qualitativen Interviews die transkribierten Texte das empirische Material bilden, auf dem die Interpretationen und Analysen der Forscher beruhen, so sind es bei der teilnehmenden Beobachtung die Feldprotokolle. Im Prinzip unterscheidet sich daher die Auswertung von Beobachtungsprotokollen nicht vom Umgang mit den in der politikwissenschaftlichen Forschung verbreiteteren Interviewtranskripten. Abhängig von Verwertungsinteresse und theoretischem Ausgangspunkt können sie den verschiedensten hermeneutischen Verfahren unterzogen werden (HITZLER & HONER 1997, REICHERTZ 1989). Dabei wird zuerst zu entscheiden sein, ob die aus dem Feld mitgebrachten Protokolle direkt als Ausgangspunkt für Interpretationen und die Darstellung von Ergebnissen genutzt werden können oder ob das Textmaterial vorab einer Reduktion durch Codierungen und Kategorisierungen unterzogen werden soll. Im Falle des Parlamentsprojektes sind aus 239 Beobachtungsstunden in 79 verschiedenen Gremiensitzungen 1154 Seiten Beobachtungsprotokolle entstanden. Bei einer solchen Textmenge besteht die Gefahr, dass eine Interpretation der Daten ohne vorherige Aufbereitung zu intersubjektiv nicht nachvollziehbaren Aussagen führt oder wichtige Informationen übersehen werden. Andererseits war es angesichts beschränkter finanzieller und zeitlicher Ressourcen nicht möglich, ein detailliertes Codeschema über das gesamte Material zu legen, das alle in den Protokollen auftauchenden Inhaltsbereiche hätte abdecken können. Zumal sich in diesem Bearbeitungsschritt der Anspruch an eine auch "literarische Qualität" der Feldprotokolle, die beobachtete Szenerie möglichst umfassend und authentisch darzustellen, als die Auswertungsarbeit erschwerend herausstellte. Oft erwies sich nämlich nur ein Bruchteil der niedergeschriebenen Beobachtungen für die weiteren Auswertungsschritte als relevant. Im konkreten Fall wurde daher ein am Beobachtungsleitfaden und den Auswertungsinteressen der beteiligten Forscher orientiertes grobmaschiges Codeschema entwickelt, das nur 19 Kategorien umfasst:



Die diesen Kategorien zugeordneten Beobachtungen bildeten dann die Grundlage für die anschließende Auswertung der Daten, die sich an Verfahren der Grounded Theory (STRAUSS & CORBIN 1996) orientierte. Dazu wurden die in den 19 verschiedenen Themenschwerpunkten zusammengestellten Beobachtungen über alle beobachteten Gremiensitzungen hinweg systematisch miteinander verglichen, d. h. nach Gemeinsamkeiten, Unterschieden, Abweichungen oder Widersprüchen befragt. Es wurden also z.B. die Arbeitsprinzipien oder die Rolle der Vorsitzenden in den Fraktionsvorständen, in Arbeitskreisen oder im Präsidium vergleichend betrachtet. Die Ergebnisse aus diesen Inhaltsanalysen der einzelnen Kategorien wurden in ausführlichen Arbeitspapieren festgehalten. Nach diesen systematisierenden Vorarbeiten erfolgt dann die abschließende zusammenfassende Interpretation der Daten. [52]

4. Der Nutzen der teilnehmenden Beobachtung für die empirische politikwissenschaftliche Forschung

Abschließend soll die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Nutzen der eingesetzten Methode gestellt werden. Welcher Erkenntnisgewinn lässt sich aus der Verwendung der teilnehmenden Beobachtung ziehen? Lohnt sich der Aufwand, der mit der Auseinandersetzung, dem Einsatz und der Weiterentwicklung einer in der Politikwissenschaft bislang wenig praxiserprobten Methode verbunden ist, oder rechtfertigen die Ergebnisse nicht die Mühe dieses zeitaufwändigen Forschungsverfahrens? [53]

Prinzipiell unterscheidet sich die Rolle des beobachtenden Politikwissenschaftlers im Forschungsfeld nicht von der des klassischen Ethnologen, der sich in für ihn fremden Kulturkreisen bewegt. Auch für den Politikwissenschaftler geht es darum, durch direktes Miterleben die organisationstypischen Konventionen, Regeln und alltagspraktischen Verhaltensweisen kennen- und verstehen zu lernen, welche die kulturelle Grundlage für das Funktionieren politischer Institutionen bilden. Es geht um das Verstehen von politischen Institutionen aus einer Innenperspektive, aus sich selbst heraus. Anfangs kann es sogar sein, dass der Politikwissenschaftler bestimmte Sprachcodes und Verständigungsformen erlernen muss, um dem Verlauf von Gremiensitzungen folgen zu können. Kommunikationsleitende Regeln, alltägliche Handlungspraktiken und Grundannahmen kann man aber durch Interviews nur schwer erheben, weil etwas selbstverständlich Vorhandenes i. d. R. nicht benannt werden kann – vergleichbar etwa der Melodie traditionellen Liedguts, die man nachsummen kann ohne irgendetwas über die Regeln der Notensetzung wissen zu müssen. In Abgeordnetenbefragungen zeigte sich das besonders häufig, wenn man mit Parlamentariern über die ihre Arbeit anleitenden Regeln sprach oder von ihnen wissen wollte, welche Verhaltensweisen sie anwenden würden, um ihre Interessen und Positionen im Willensbildungsprozess durchzusetzen. Vielen Parlamentariern waren informelle Regeln des Parlamentsbetriebes gar nicht bewusst, und über das "Wie es gemacht wird", um die eigenen Interessen erfolgreich zur Geltung zu bringen, hatten sie kaum je nachgedacht. Während der Beobachtungsstudie zeigte sich aber, dass es in den einzelnen Fraktionen und Gremien sehr wohl unterscheidbare Verhaltensweisen, eingespielte Abläufe und kommunikative Regeln gibt, also verschiedene "Gremienkulturen", die sich dann z.B. als konstruktiv, konfrontativ, formalisiert oder konsensorientiert klassifizieren und beschreiben lassen. [54]

Ein anderer Vorzug der teilnehmenden Beobachtung zeigte sich bei der Beschäftigung mit der informellen Seite parlamentarischen Handelns. In Interviews mit Politikern stellt sich häufig das Problem, dass sie es gewohnt sind, ihre Positionen in Richtung (einer gedachten) Öffentlichkeit zu formulieren. Besonders ausgeprägt ist das, wenn es um vermeintliche Tabu-Bereiche geht, zu denen oft auch informelles Handeln gezählt wird – wohl weil in der Öffentlichkeit damit Synonyme wie "kungeln" oder "mauscheln" verbunden sind. In Interviews erfährt man also vor allem etwas über die Vorstellungen der Befragten und darüber, wie etwas sein soll, nicht aber über das tatsächliche Handeln und die Ist-Vorstellungen der Interviewpartner. Die Vorstellungs- und die Handlungsebene miteinander in Beziehung zu setzen und zu verbinden, ist nur über die Kombination von Befragungs- und Beobachtungsmethoden möglich. [55]

Dabei gerät der teilnehmende Beobachter schnell in eine privilegierte Stellung. Durch seinen Status als Fremden gelingt ihm nämlich der Zugang zu ganz unterschiedlichen Gruppen und hierarchischen Ebenen, zwischen denen üblicherweise kein Austausch stattfindet. Während unserer Feldaufenthalte in den beobachteten Parlamenten sind wir immer wieder überrascht gewesen, wie wenig Abgeordnete über die Realität in anderen Fraktionen wissen oder Vorstellungen darüber sogar aus einer ideologischen Perspektive gebildet werden. So wird auch erklärbar, warum in Umfragen zum Thema "Fraktionsdisziplin" nicht wenige Abgeordnete meinen, Fraktionszwang sei ein Phänomen, das zwar nicht in der eigenen Fraktion existiere, in anderen aber vorkommen mag (PATZELT 1998b). [56]

Schließlich besteht auch nach unseren Felderfahrungen ein nicht zu unterschätzender Gewinn der teilnehmenden Beobachtung darin – wie FENNO (1978, S.291) es ausgedrückt hat –, nicht nur ein intellektuelles Wissen, sondern auch ein Gefühl für den Untersuchungsgegenstand zu erhalten. Dies als Vorteil zu schildern, mag schnell die Kritiker auf den Plan rufen, die auf die Intersubjektivität empirischer Forschungsergebnisse pochen. Aber auch jene werden nicht bezweifeln, dass das eigene Erleben einen anderen Verständnishorizont eröffnet als es das Lesen oder das Anhören von Berichten zu leisten vermag. Soziales Handeln hat eben immer auch eine affektive Komponente, die sich allein durch kognitives Verstehen nicht erfahren lässt – seien das die Dynamik eines sich entwickelnden Konfliktes, atmosphärische Störungen in Gremien, die charismatische Rede eines Fraktionsvorsitzenden oder die Alltagspraxis der Regierungskontrolle in Form von bohrenden Fragen, die Abgeordnete an einen überlasteten Minister stellen. Die Herausforderung an den teilnehmenden Beobachter besteht darin, die Auswertung und Interpretation seiner Beobachtungsergebnisse so darzustellen und zu beschreiben, dass die Authentizität des Erlebten nicht verloren geht. Nicht zuletzt bestimmt so auch die Qualität der Darstellung die Qualität der erhobenen Daten (GEERTZ 1990, WOLFF 1992). [57]

Die hier beschriebenen Erfahrungen mit der teilnehmenden Beobachtung lassen auch Rückschlüsse darüber zu, warum sie als politikwissenschaftliche Forschungsmethode bislang vernachlässigt worden ist. Drei Gründe liegen auf der Hand.

  • Die Beobachtungsmethode hat eine hohe Personal-, Zeit- und damit Kostenintensität. Das betrifft die Datenerhebung ebenso wie die Datenanalyse. Mit der Erstellung der Beobachtungsleitfäden, den das Feld bereitenden Vorgesprächen, der Beobachterschulung, dem Aufenthalt im Feld und schließlich dem Protokollieren der Beobachtungen und ggf. ihrer Codierung ist die im deutschen Wissenschaftsbetrieb üblicherweise geförderte Projektlaufzeit von zwei oder drei Jahren schnell aufgebraucht.

  • Als eigentliches Problem für die Beobachtung politischer Prozesse werden oft die Restriktionen des Feldzuganges benannt. Die, wenn z.T. auch mit viel Aufwand und Überzeugungsarbeit, erzielten Erfolge unserer Forschungsprojekte sprechen eine andere Sprache – haben doch selbst parlamentarische Steuerungsgremien ihre Türen für die wissenschaftliche Beobachtung geöffnet und sich später zu Ministern aufgestiegene Abgeordnete bei ihrer Wahlkreisarbeit über die Schulter schauen lassen. Sind die behaupteten Restriktionen also eher ein Ausdruck einer zur "Schreibtischdisziplin" neigenden Politikwissenschaft? Nun ist es weder möglich noch wünschenswert, Zugangserfolge wie die in unseren beiden Projekten erzielten beliebig zu wiederholen. Sie zeigen aber, dass sich dem Politikwissenschaftler auch über ohnehin öffentliche parlamentarische Versammlungen, Wahlkampfveranstaltungen oder Parteitage hinaus, weitere Möglichkeiten der teilnehmenden Feldforschung eröffnen lassen.

  • Die teilnehmende Beobachtung ist eine nur beschränkt formalisierbare Methode. Ihr Vorgehen lässt sich nur schwer in schematische Schritte aufteilen; sie lässt sich, etwa im Vergleich zu statistischen Verfahren, nur schwer systematisch lehren und sie liefert keine unter denselben Bedingungen verifizierbaren Ergebnisse. Das, was der beobachtende Politikwissenschaftler eigentlich methodisch tut, ist bislang nur allzu häufig im Unklaren verblieben. Nicht zuletzt die vorhergegangenen Überlegungen haben aber gezeigt, dass eine – planvolle – Systematisierung und methodische Weiterentwicklung von Beobachtungsverfahren sehr wohl möglich ist. Dazu mögen unsere Erfahrungen aus der Forschungspraxis einen Anstoß geben. [58]

Anmerkungen

Literatur

Alemann, Ulrich von (Hrsg.) (1995). Politikwissenschaftliche Methoden. Grundriss für Studium und Forschung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Alemann, Ulrich von & Tönnesmann, Wolfgang (1995). Grundriss: Methoden in der Politikwissenschaft. In Ulrich von Alemann (Hrsg.), Politikwissenschaftliche Methoden. Grundriss für Studium und Forschung (S.17-140). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Almond, Gabriel A. & Verba, Sidney (1963). The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations. New York: Princeton University Press.

Aster, Reiner; Merkens, Hans & Repp, Michael (Hrsg.) (1989). Teilnehmende Beobachtung. Werkstattberichte und methodologische Reflexionen. Frankfurt/Main, New York: Campus.

Benz, Arthur; Scharpf, Fritz W. & Zintl, Reinhard (1992). Horizontale Politikverflechtung. Zur Theorie von Verhandlungssystemen. Frankfurt/Main, New York: Campus.

Brown, Michael K. (1986). Direct Observation: Research in a Natural Setting. In Jarol B. Manheim & Richard C. Rich (Hrsg.), Empirical Political Analysis: Research Methods in Political Science (S.164-185). New York: Longman.

Browne, William P. (1999). Studying Interests and Policy from the Inside. Policy Studies Journal, 27(1), 67-75.

Dreier, Volker (1997). Empirische Politikforschung. München/Wien: Oldenbourg.

Fenno, Richard F. (1973). Congressmen in Committees. Boston: Little Brown & Company.

Fenno, Richard F. (1978). Home Style: House Members in Their Districts. Boston, Toronto: Little Brown & Company.

Fenno, Richard F. (1986). Observation, Context and Sequence in the Study of Politics. American Political Science Review, 80(1), 3-15.

Fenno, Richard F. (1990). Watching Politicans. Essays on Participant Observation. University of California at Berkeley: IGS Press.

Fenno, Richard F. (1996). Senators on the Campaign Trail. University of Oklahoma Press.

Flick, Uwe (1995).

1. Einleitung

1.1. Allgemeines

Im Rahmen des Seminars "Methoden der Kommunikations- und Medienforschung“ , wurde die Aufgabe gestellt, eine empirische Forschung durchzuführen. Unter den Seminarteilnehmern wurden mehrere Gruppen zwischen zwei und vier Personen gebildet. Man konnte zwischen den Methoden Beobachtung, Inhaltsanalyse, Experiment und Befragung wählen. Zu unserer Gruppe gehören:

Jörg Rebelein, Christian Fuchs, Susann Böhning und Juliane Lischka. Wir hatten uns für die Forschungsmethode: Beobachtung entschieden.

1.1. Problem

Jetzt kam als erstes die Aufgabe auf uns zu, ein geeignetes Thema für unsere Beobachtung zu finden. Da es untypisch ist, daß man zuerst eine Methode wählt und danach das Problem bzw. das Thema das man untersuchen möchte, war es schwerer als wir vermuteten ein geeignetes Thema zu finden. Bei einer wissenschaftlich Untersuchung hat man normalerweise zuerst ein Problem, und danach entscheidet man sich für eine geeignete Methode, mit der man das Problem untersuchen will. Bei uns war es genau umgekehrt. Wir hatten eben erst die Methode und suchten daraufhin ein Thema. Dabei ist uns aufgefallen, das viele Beobachtungen eigentlich Experimente sind, die beobachtet werden.

Oft werden Gegenstände oder Situationen im alltäglichen Leben von Menschen verändert, um zu beobachten, wie die Personen damit umgehen.

Die Grundidee für unsere Beobachtung entstand in der Mensa am Ernst-Abbé-Platz, Jena. Dort steht direkt neben der Geschirrabgabe ein langer Tisch, auf dem ein Schild angebracht ist, auf dem hingewiesen wird, kein Geschirr auf dem Tisch abzustellen, sondern es auf das dafür vorgesehenen Laufband zu stellen. Dieses Schild ist gut lesbar angebracht (siehe Anlage 1.1). Jeder der dort etwas abstellen will, hat also sofort das Schild vor Augen. Da aber zu Stoßzeiten zu viele Studenten ihr Geschirr zur gleichen Zeit abgeben wollen, entsteht eine lange Warteschlange vor dem Laufband. So stellen Einige ihr Geschirr trotz des Hinweisschildes einfach auf dem Tisch ab und gehen. Sie mißachten also das Hinweisschild, obwohl es von Ihnen gelesen wurde.

Ein zweiter Punkt, der uns auf die fehlende Idee bringen sollte war der Artikel "Platzreservierung für Mensa Ernst-Abbé-Platz" in der Zeitung "Akrützel" (November, 1 1999). Dort wird darauf hingewiesen, das nach der Einweihung der modernen Mensa erstmals, zunächst versuchsweise, Mensasitzplätze telefonisch oder per Fax reserviert werden können (siehe Anlage 1.2).

Wie sich dann herausstellte war dieser Artikel vom Studentenrat. Dieser wollte mit dem Artikel Kritik üben, weil die neue Mensa am Ernst-Abbé-Platz viel zu klein ist und somit die Kapazität an Sitzplätzen nicht ausreicht, wenn viele Studenten zur gleichen Zeit Essen gehen. Das heißt, jeder Anruf bei der Mensaverwaltung war vergebens, wenn man sich Sitzplätze reservieren wollte.

Wir dachten uns, wenn bei dem Sitzplatzmangel in der Mensa noch Tische bzw. Stühle reserviert werden könnten, gäbe es bestimmt viele Studenten, die sich über so eine Reservierung hinwegsetzen würden und einfach dort Platz nehmen wo ein Sitzplatz frei ist, egal ob er reserviert ist oder nicht.

So entstand unsere Idee, eine Beobachtung durchzuführen, indem wir in der Mensa zwei Tische reservieren und beobachten, ob die Reservierung akzeptiert wird oder nicht. Wir mußten uns eine Genehmigung von der Mensaverwaltung einholen, daß wir für unsere Beobachtung zwei Tische "reservieren" dürfen.

Allgemein wollten wir damit das Thema "Inwieweit akzeptieren Menschen Einschränkungen in ihren täglichen Lebensbereich?" untersuchen. Wir stellten also Thesen auf, welche mit Hilfe einer Beobachtung widerlegt beziehungsweise nachgewiesen werden sollten.

Eine Beobachtung durchzuführen heißt menschliches Handeln, Sprache und nonverbale Reaktionen zu beobachten.

Es gibt verschiedene Arten der Beobachtung:
1. Teilnehmende versus nichtteilnehmende Beobachtung
2. Offene versus verdeckte Beobachtung
3. Feldbeobachtung versus Beobachtung im Labor
4. Unstrukturierte versus strukturierte Beobachtung
5. Fremdbeobachtung versus Selbstbeobachtung1(vgl. Diekmann, 1998, S.469)

Wir haben uns für eine nichtteilnehmende, verdeckte Feldbeobachtung entschieden. Das hatte zum Beispiel den Vorteil, daß wir während wir beobachteten, Notizen machen konnten und es somit einfacher hatten in kurzer Zeit möglichst viel schriftlich festzuhalten um später eine bessere Auswertung zu ermöglichen. Es wäre auch zwecklos gewesen, sich bei der Beobachtung zu erkennen zu geben (Offene Beobachtung), da viele Leute ganz anders reagiert hätten, als sie es bei unserer verdeckten Beobachtung getan haben. Das hätte dann zu einem falschen Ergebnis bei der Auswertung der erhaltenen Daten geführt und somit hätte man vielleicht falsche Thesen angenommen und richtige Thesen verworfen. Wir haben unsere Beobachtung in einer natürlichen Umgebung durchgeführt. So war der Aufwand, die Beobachtung durchzuführen, relativ gering. Es mußten keine künstlichen Räume oder ähnliches geschaffen werden. Natürlich treten bei einer Beobachtung, wie auch bei anderen Methoden, Fehler auf. Die Fehlerquellen liegen beim Beobachter, dem Instrument und der Situation. (vgl. Friedrichs, S. 284)2

Wir selbst zum Beispiel, waren keine geschulten Beobachter. Uns wurde also vor der eigentlichen Beobachtung kein Hinweis gegeben, worauf wir genau achten sollen beziehungsweise wo evtl. Fehlerquellen liegen, die von vornherein vermeidbar sind. Normalerweise sind Beobachter geschult um möglichst exakte Ergebnisse zu erhalten bzw. mögliche Fehler einzudämmen. Eine weitere Fehlerquelle ist zum Beispiel, wenn der Beobachter bestimmte Gesten oder verbale Äußerungen zwar richtig wahrnimmt, aber falsch interpretiert. Manchmal ist ein Schlag auf die Schulter eines anderen eine freundliche Begrüßung. Aber wenn der Beobachter diesen Schlag auf die Schulter als Gewaltgeste auffaßt und sie als solche interpretiert, sind die Ergebnisse nicht valide.

Des weiteren beeinflußt das Befinden, die Motivation, Hunger, Angst ecetera pp. die Wahrnehmung des Beobachters.

Dennoch haben wir versucht, alle uns bekannten Fehlerquellen auszuschließen und haben unsere Beobachtung erfolgreich durchgeführt.

2. Forschungsfrage und Thesen

2.1 Forschungsfrage

Aus den oben genannten Gründen folgte die Aufstellung folgender Forschungsfrage: Inwieweit akzeptieren Menschen Einschränkungen in ihren täglichen Lebensbereich? Untersucht am Beispiel von Reservierungen.

Anders gesagt, wollten wir erforschen, wie Studenten auf Beschränkungen in ihrem natürlichen Alltagsumfeld reagieren. Wie handeln sie ? Halten sie sich an Restriktionen? Aber wo sind die meisten Studenten an einem Ort und wo halten sich viele Studenten mindestens ein mal pro Tag auf? In der Mensa.

Deshalb wählten wir für unsere Feldbeobachtung Jenaer Mensen aus, in denen wir das Verhalten auf Reservierungen untersuchen konnten. Genaugenommen „reservierten“ wir

zwei Tische, doch dazu später mehr. Die Reservierung sollte für einen „hohen Gast“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena sein, damit sie auch legitimiert ist und ernstgenommen wird.

2.2. Thesen

Aufgrund unserer Frage stellten wir folgende 7 Thesen auf.

1. Mensabesucher respektieren Reservierungen im Allgemeinen.

Wir behaupten, daß Menschen, die in der Mensa essen sich größtenteils an Einschränkungen, in unserem Fall in Form von Reservierungsschildern, halten. Sie suchen sich andere Sitzmöglichkeiten, auch wenn keine sichtbare Kontrolle der Freihaltung der Plätze erfolgt. Weil Gebotsschilder für den größten Teil der Besucher eine ernstzunehmende Instanz darstellen.

2. Mensabesucher respektieren Reservierungen eher, wenn genügend

Ausweichmöglichkeiten vorhanden sind.

Wir behaupten, daß diejenigen Menschen, die in der Mensa essen die Einschränkung eher tolerieren, wenn in unmittelbarer Nähe noch ausreichend alternative Sitzmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Denn der Mensch neigt zu Bequemlichkeit. Eine Einschränkung lässt sich daher besser einhalten, wenn es naheliegende Alternativen gibt.

3. Es gibt Unterschiede im Verhalten zwischen Gruppen und Einzelpersonen.

Wir behaupten, daß Menschen, die in Gruppen die Mensa besuchen ein anderes Verhältnis zu den Einschränkungen haben, als Einzelbesucher. So spielen verschiedene soziologische Phänomene eine große Rolle. Zum Beispiel die Gruppendynamik , bestimmtes Gruppenverhalten und der Gruppenzwang. Es ist beispielsweise vorstellbar, daß Einzelpersonen eine höhere Toleranz gegenüber den Einschränkungen haben, als die Gruppen.

4. Es gibt Unterschiede im Verhalten weiblicher und männlicher Mensabesucher.

Wir behaupten, daß es zwischen den Geschlechtern auch verschiedene beobachtbare Unterschiede im Verhalten gegenüber den Einschränkungen gibt. So ist vorstellbar, daß alte Rollenmuster in abgeschwächter Form immer noch funktionieren. Das Klischee impliziert folgendes Verhalten; Die Frau alsliebe, gesetzestreue und ehrliche Bürgerinund immerdarauf bedacht allen Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen. Und der Mann als draufgängerischer, rüpelhafter Held, derseine Stärke durch Mißachtung von solchen Banalitäten demonstriert.

5. Es gibt Unterschiede im Verhalten jüngerer undälterer Mensabesucher.

Wir behaupten, daß das Alter auch andere Verhaltensmuster an den Tag legt.

Ältere Menschen haben in Ihrem Leben schon viel erlebt und werden aus diesen Erfahrungen heraus sich an Ge- und Verbote halten, sie akzeptieren. Außerdem wurden ältere Leute in einer Zeit geprägt und erzogen, in der noch Respekt gegenüber wichtigen Personen als selbstverständlich galt. Studenten sind durch ihre ganze Mentalität und Ihren Lebensstil eher an andere Gepflogenheiten gewöhnt.

6. Wenn die Mensa voll ist, wird der leere Tisch zuerst angesteuert.

Wir behaupten, daß viele Menschen, die auf Platzsuche sind zuerst den Tisch aufsuchen, an dem keine Person sitzt (der also wegen der Reservierung noch frei ist). Da jeder Mensch doch immer allein sein möchte und nicht unbedingt mit fremden Menschen sein Essen einnehmen möchte. (siehe auch in Zügen: viele Abteile die nur mit einer Person besetzt sind). Der Platzsuchende handelt in dem Moment nach seinem ursprünglichen, natürlichen Empfinden. Er handelt entsprechend der Individualinstanz.

7. Menschen sind neugierig und wollen wissen, was auf dem Schild steht .

Wir behaupten, daß ein Großteil der vorbeilaufenden Menschen neugierig auf das unbekannte Schild schauen werden. Obwohl sie gar nicht an einem Platz oder den Personen an dem Tisch interessiert sind. Sie interessieren sich nur für das Schild.

3. Die Beobachtung

3.1. Vorgeschehen/Allgemeine Fakten

Im Vorfeld der Beobachtung gab es verschiedene Schwierigkeiten mit dem Studentenwerk Jena-Weimar, daß für die Verwaltung der Mensen in Jena zuständig ist. Das Studentenwerk hatte sich in letzter Zeit großer Kritik zu stellen, daß sie mit ihren Mensa Neubau am Ernst-Abbé-Platz zuwenig Platzmöglichkeiten anbieten. Nun war das Studentenwerk vorsichtig geworden und hatte Angst, daß durch unsere Reservierung eine Flut von Beschwerden eintrifft.

Nichts desto trotz konnten wir die Mitarbeiter überzeugen und durften nun an zwei Tagen in zwei Mensen zwei Tische mit je vier Plätzen für unsere Pseudo-Reservierung nutzen. Wir wollten unsere Beobachtung an zwei unterschiedlichen Tagen durchführen, damit 5 etwaige terminale Besonderheiten nicht so sehr ins Gewicht fallen. Die Beobachtung an zwei Orten war uns wichtig, damit wir einen recht repräsentativen Überblick erhalten konnten. Wir nutzen die zwei von den drei Jenaer Universitätsmensen, von denen die größte Bedeutung ausgeht. Außerdem konnten wir so auch einen Vergleich zwischen zwei Beobachtungen ziehen.

Unsere Beobachtungen sollten dann auch in einer Zeit der größten Frequentierung der Essenssäle stattfinden. Aus Erfahrungen und Gesprächen mit Mitarbeitern der Mensen wählten wir die Zeit zwischen 12.00 Uhr und 14.00 Uhr.

Die erste Beobachtung führten wir am 24.11.1999, von 12.00 bis 14.00 Uhr in der Mensa am Philosophenweg durch. Diese Mensa wird hauptsächlich durch Studenten der naturwissenschaftlichen Studiengänge (z.B. Medizin) und Universitätsklinikumsangestellte genutzt und bietet für ca. 450 Menschen Platz. Täglich werden hier ca. 2000 Essen verkauft.

Den zweiten Teil der Beobachtung führten wir eine Woche später am 01.12.1999 in der Neubauten Mensa am Ernst-Abbé-Platz durch. Hier zählen Studenten jeglicher Fachrichtungen zum Klientel, da diese Mensa auch die größte, mit ca. 600 Plätzen in Jena ist. Im Gegensatz zur Mensa am Philosophenweg werden hier doppelt so viele, also ca. 4000 Essen täglich verkauft.

Zur Beobachtung wählten wir jeweils zwei zusammenstehende Vierer-Tische aus, die in zentraler Lage gut einsichtbar von allen standen. Ab der Eröffnung der Mensa um 10.00 Uhr waren jeweils 2 rote DIN-A4-Schilder mit den Worten „Reserviert für eine Delegation vom Kultusministerium Thüringen. Bitte heute ab 12.00 Uhr freihalten“ auf den Tischen angebracht.

Die Beobachtung begann um 12.00 Uhr damit, daß jeweils ein Mann und eine Frau aus unserer Projektgruppe sich unauffällig in die Nähe des ausgewählten Tisches setzten, um das Geschehen zu beobachten.

3.2. Beobachtung in der Mensa am Philosophenweg

In den gesamten zwei Stunden Beobachtungszeit

wurden 104 Personen registriert, die die Tische ansteuerten und sich setzten wollten. Von den 104 Personen waren 55 männlich (53%) und 49 weiblich (47%). Von diesen Personen setzten sich dann Gegenüberstellung der Personen nach "weitergegangen" und "gesetzt" (Philosophenweg) Personen, die sich gesetzt 10% schließlich aber nur elf Menschen (zehn Prozent) an 90% die Tische: sieben männliche Personen (64%) und vier weibliche (36 %). (siehe Diagramm 1) Dazu muß aber Diagramm 1 haben Personen, die vorbei gegangen sind noch erwähnt werden, daß die vier weiblichen Besucher alle Einzelpersonen waren und unter sich die sieben männlichen in zwei Einzelpersonen und zwei Gruppen (eine à drei Personen und eine à zwei Personen) aufgliederten. (siehe Diagramm 2) Von allen elf Personen waren insgesamt drei älter, als das natürliche Studentenalter (also weit über 30 Jahre). Es waren also 27 % derjenigen, die sich den Restriktionen widersetzten ältere Menschen. Wenn man sich bewußt macht, daß lediglich zwei bis fünf Prozent der Besucher der Mensa ältere Menschen Geschlechterverteilung der Personen am Tisch der Mensa Philosophenweg weibliche 36% Personen männliche 64% sind, entsteht da ein Mißverhältnis. Genau in die einzelnen Zeiten aufgegliedert, Diagramm 2 Personen ergab sich folgendes Bild der Tischbesetzung (siehe Diagramm 3). In der Zeit von 12.00 bis 12.15 Uhr saßen keine Menschen an den reservierten Tischen, in der folgenden ¼ Stunde kamen zwei hinzu, in der folgenden dann noch mal vier neue. Und am Ende der ersten Stunde wiederum kamen keine neuen Personen. Von 13.00 bis 13.15 Uhr setzten sich fünf Personen an die Tische. Von 13.15 bis 14.00 setzten sich keine neuen Personen an die Tische. Außerdem sollte noch erwähnt werden, daß sich auch vier Personen an die Tische setzten, und nach der Lektüre der Hinweisschilder sich einen neuen Platz suchten.

3.3. Mensa am Ernst-Abbé-Platz

An diesem Termin fand etwas statt, womit selbst wir nicht gerechnet hätten. Nach über einer Stunde eskalierte die Situation und beide Schilder wurden entwendet. Folgende Situation war vorausgegangen. Eine Gruppe männlicher Studierender, die an benachbarten Tischen saß führte eine Diskussion über die Glaubwürdigkeit und den Sinn der Reservierung. Sie waren sich aber einig, daß sie vielleicht durch die Kassenangestellten beobachtet würden und deshalb alles so lassen sollte, wie es war. Kurz darauf kamen zwei weiblichen Studenten, die einfach beide Schilder vom Tisch lösten und sie umgedreht auf einen anderen Tisch legten. Untereinander legitimierten sie ihr Verhalten damit, daß die Delegation garantiert schon dagewesen sei und sie ja jetzt den Platz brauchten. Die Gruppe der männlichen Studenten entwendete die Schilder dann endgültig mit den Worten „toller 7 Spaß, so können wir ja jetzt immer schon Plätze ‚reservieren‘ „. Deshalb dauerte die zweite Beobachtung nur von 12.00 bis 13.15 Uhr an.

In dieser Zeit wollten sich 121 Personen an die Tische setzten. Von diesen 121 Personen waren 39 männlich (33%) und 82 weiblich (67%). Hier ist eine klarere Dominanz der weiblichen Interessenten für die Plätze sichtbar, als in der ersten Beobachtung. Von diesen 121 Personen setzten sich in der einen Stunde und 15 Minuten 24 Personen (17%) an die Tische (siehe Diagramm 4). Von den 24 Personen waren sechs männlich und 18 weiblich. Ein Verhältnis also von 1:4 für die Frauen. (siehe Diagramm 5) Wobei, im Gegensatz zur ersten Beobachtung, hier keine Gruppe männlicher Besucher, sondern nur vier männliche Einzelbesucher auftraten. Unter den Frauen waren sechs Einzelbesucherinnen und vier Gruppen à zwei Personen, die sich an den Tisch setzten. Außerdem kam es hier auch zwei mal zu dem Fall, daß sich getrenntgeschlechtliche Gruppen oder „Pärchen“ bestehende aus einem Mann und einer Frau an den Tisch setzten (vier Personen).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Prozentwert von 42 % Anteil älterer Menschen, die sich den Restriktionen widersetzten.

Gliedert man auch hier genau auf, in welchen Zeiten sich wieviel neue Besucher an die Tische setzten ergibt sich folgendes Bild.

Von 12.00 bis 12.15 Uhr saßen vier Personen an den acht Plätzen. In der folgenden ¼ Stunde setzten sich acht neue Besucher an die Tische. In der Zeit von 12.30 bis 12.45 Uhr waren es zwei neue Gäste. Von 12.45 Uhr bis zum Ende der Stunde setzten sich dann noch 6 neue Esser an die Tische. Und im letzten Intervall der Beobachtung von 13.00 Uhr bis 13.15 Uhr setzten sich vier Personen an die

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zeit

freigewordenen Plätze. Unter ihnen eben auch die zwei Frauen, die die Beobachtung durch ihr Handeln beendeten. Im Vergleich zur ersten Beobachtung waren es hier auch genau vier Personen, die sich erst setzen und dann wieder einen neuen Platz suchten, um den Hinweis auf dem Schild zu befolgen. Insgesamt sollen hier außerdem noch ein paar Besonderheiten aufgeführt werden. In den gesamten drei Stunden und 15 Minuten Beobachtungszeit gab es insgesamt vier Versuche die Schilder zu entwenden, von denen einer, wie erwähnt, zum Erfolg führte. Des weiteren waren öfter Zitate zu hören, wie die folgenden:

„Was soll den das ?“, „Hää, Besuch vom Ministerium und die Essen in der Mensa“, „Scheiß Politiker“, „Ist doch gar niemand da !“, „Die waren bestimmt schon da, laß uns hinsetzten“.

Diese Zitate belegen zum einen die Unsicherheit über eine ungewohnte Situation, Ausdruck von Politikverdrossenheit und interne Legitimation der Zuwiderhandlung.

4. Die Deutung

4.1. Reservierung als soziale Norm

Im folgenden soll nun der Bezug der Ergebnisse zu den zuvor aufgestellten Thesen hergestellt und der Versuch gemacht werden, das Beobachtete zu erläutern. Bei der Erklärung sollte man zunächst einmal davon ausgehen, daß das von uns vorgegebene Reservierungsschild eine soziale Norm darstellt.

Als solche kann eine Regel definiert werden, die mehrere Menschen anspricht und sich auf wiederholbare Situationen anwenden läßt. Im weiteren bezieht sich der Begriff 'sozial' auf Richtlinien, die für den Menschen als gesellschaftliches Lebewesen unerläßlich sind. ( vgl. Bellebaum, 1983, S. 34 )

Die Notwendigkeit oder gar Unerläßlichkeit eines bestimmten Verhaltens - in unserem Fall das Akzeptieren einer Reservierung - kann als Voraussetzung für ein relativ konfliktfreies Zusammenleben in der Gesellschaft begründet werden.

Man stelle sich beispielsweise vor, Bedienstete des Kultusministeriums müßten in einer überfüllten Mensa auf das Freiwerden von Plätzen warten, da die für sie vorgesehenen, reservierten Tische von „uneinsichtigen“ Studenten besetzt sind. Wenn schon nicht unbedingt von Konflikten so könnte dann doch die Rede von aufkommenden Spannungen zwischen den "Gästen" der Friedrich-Schiller-Universität und den Studenten sein. Folgt man allerdings dieser Überlegung, so stellt sich zwangsläufig die Frage, warum denn dann Normen, also hier die Reservierungsschilder, nicht von allen betroffenen Gesellschaftsmitgliedern bedingungslos akzeptiert werden. Dieser Frage soll nun im einzelnen nachgegangen werden.

4.2. Begründung der Thesen

Bei der Formulierung der ersten These gingen wir davon aus, daß die größere Zahl der Mensabesucher die Reservierung akzeptieren wird, schlossen dabei aber auch nicht aus, daß sich eine geringe Zahl der Norm widersetzt.

Ein Vergleich der Zahlen derer, die das Schild akzeptierten mit denen, die sich trotz des Schildes setzten, beweist die Richtigkeit unserer These. Wie könnte dies erklärt werden ? Ein möglicher Ansatz wäre der, daß Normen nichts Absolutes sind und somit auch keinen Anspruch auf absolute Gültigkeit besitzen. So unterliegen sie in vielen Fällen den Auslegungen durch die Gesellschaftsmitglieder.

Daß Normen überhaupt funktionieren können, setzt die Existenz von sogenannten Normadressaten, Normsetzern und Normhütern voraus. ( vgl. Bellebaum, 1983, S. 56 ) Während erstere die sind, für die eine bestimmte Norm gilt, beschließen zweitere über die Norm. Schließlich fungieren die Normhüter als äußere Kontrollinstanz. In unserem Beispiel stellen die Mensabesucher die Normadressaten dar, da an sie das Verbot gerichtet ist, sich an die reservierten Tische zu setzen. Vernachlässigt man die Tatsache, daß die Reservierung nur von uns inszeniert war, müßte man den Chef der Mensaverwaltung als Normsetzer angeben und die in der Mensa arbeitenden Kassiererinnen als die Normhüter, da nur sie die Möglichkeit einer direkten Kontrolle über die reservierten Tische hatten.

Wie hoch die tatsächliche Geltung einer sozialen Norm ist, kann gemäß Bellebaum schließlich von den folgenden Faktoren abhängig gemacht werden:

1. dem Geltungsgrad, also dem Ausmaß, mit der Normsetzer selbst von der Norm überzeugt ist;

2. der Sanktionsbereitschaft, dem Maß, mit dem die Normüberwacher bereit sind, Abweichungen zu sanktionieren;

3. der Sanktionsmöglichkeit, dem Maß, mit dem die Normüberwacher Abweichungen sanktionieren können;

4. der Sanktionswahrscheinlichkeit, also der Frage, ob und wenn ja, wie stark die Abweichungen sanktioniert werden;

5. dem Wirkungsgrad, der Frage, ob die Norm überhaupt von den Normadressaten befolgt wird und wenn ja, wie stark;

Daraus ergibt sich der Zusammenhang: Je geringer die Sanktionsmöglichkeit ist, um so geringer ist auch die Sanktionswahrscheinlichkeit und um so geringer ist letztlich auch der Wirkungsgrad der Norm. ( vgl. Bellebaum, 1983, S. 73 )

Wiederum bezogen auf unser Reservierungsbeispiel kann man daraus folgendes ableiten:

Der Geltungsgrad einer Reservierung in der Mensa, also die Überzeugung des Mensaverwalters hinsichtlich der Wirksamkeit dieser Norm, wird wahrscheinlich nicht sehr hoch sein, da die Diszipliniertheit von Studenten bezüglich solcher Einschränkungen im allgemeinen bezweifelt wird. Diese Negativeinstellung wurde auch im Gespräch mit dem Leiter Jenaer Mensen, Herrn Burkhardt, deutlich, dessen Meinung auf schlechten Erfahrungen mit Reservierungen beruhte.

Auch die Sanktionsmöglichkeit muß in einer Mensa als gering eingeschätzt werden, da eine Kassiererin, selbst wenn sie es wollte, während der Zeit von 12 bis 14 Uhr kaum die Gelegenheit finden wird, Mensabesucher von den entsprechenden Plätzen zu "vertreiben". Somit sinkt auch die Sanktionswahrscheinlichkeit, d.h., die Mensabesucher können sich ziemlich sicher sein, daß ihr Vergehen gar nicht geahndet werden kann, da "ihre Normhüter" viel zu ausgelastet sind. Man konnte dies bei einigen Mensabesuchern daran erkennen, daß sie einen kurzen Blick in Richtung der Kassen warfen und sich anschließend setzten.

Alles in allem ist als Folge auch der zu erwartende Wirkungsgrad gering. Dies drückte sich darin aus, daß in beiden Beobachtunsfällen Mensabesucher an den reservierten Tischen Platz nahmen.

Neben diesem Ansatz ist ein weiterer Faktor dafür, ob eine Norm eingehalten wird oder nicht, zweifelsfrei der Grad der Wichtigkeit, der ihr beigemessen wird. Je unwichtiger eine Regel erscheint, um so eher wird gegen sie verstoßen.

In unserem Fall beispielsweise konnte bei einigen Personen ein Schulterzucken oder ein verständnisloser Blick bezüglich des Schildes bemerkt werden. In Zusammenhang damit steht auch ein gewisses "Nicht-Einsehen-Wollen" der Norm, ein bewußtes Verstoßen, weil man nicht akzeptieren will, daß einige Menschen Vorteile genießen, die man selbst nicht genießen darf.

Zusammenfassend hängt das Einhalten einer Norm also von der erwarteten Sanktion und von der prinzipiellen inneren Einstellung gegenüber Einschränkungen ab.

Die zweite These, also die Aussage, daß die Akzeptanz der Reservierung von den zur Verfügung stehenden Ausweichmöglichkeiten abhängt, konnte ebenfalls bestätigt werden. Obwohl wir diesbezüglich auf das genaue Festhalten von Zahlen der im Umkreis liegenden freien Plätze verzichteten und die Lage nur verbal einschätzten (zahlreiche/geringe Ausweichmöglichkeiten) , zeichnete sich die von uns erwartete Tendenz ab. Somit ist das Einhalten einer Norm auch eine Frage des Aufwandes, der durch die Einschränkung entsteht. Bedeutet das Akzeptieren der Einschränkung nur einen geringen Aufwand und eine geringe Abweichung vom üblichen Alltagsgeschehen, so wird 11 in der Regel nicht gegen diese Einschränkung verstoßen. Dies wurde folgendermaßen deutlich: Die meisten Personen, die auf die entsprechenden Tische zusteuerten und dann feststellten, daß diese angeblich reserviert waren, prüften zunächst erst einmal die Lage der umgebenden Tische und entschieden sich dieser gemäß. Je mehr Ausweichmöglichkeiten in der Umgebung vorhanden waren, um so seltener wurde die aufgestellte Regel verletzt. Im entgegengesetzten Fall konnte man beobachten, daß die Reservierung häufiger verletzt wurde, wenn wenige Ausweichmöglichkeiten in der Umgebung der Tische vorhanden waren.

Auch bezüglich der dritten These, den Unterschieden im Verhalten von Einzelpersonen und Gruppen, zeichnete sich eine Tendenz ab. Allerdings widersprach diese unseren Erwartungen. Während wir davon ausgegangen waren, daß sich die Einzelpersonen eher an das Verbot halten werden als Gruppen, war genau das Gegenteil zu beobachten. Die Zahlen belegen, daß sich mehr Einzelpersonen bzw. Gruppen aus zwei Personen an die Tische setzten als größere Gruppen. Folglich kann als Erklärung nicht die Stärke des einzelnen in der Gruppe herangezogen werden. Dagegen ist folgende Überlegung denkbar: Wie bereits unter Punkt 2 erwähnt, können für einem Besuch in der Mensa verschiedene Ursachen im Vordergrund stehen:. Zum einen natürlich das Essen an sich, da man Hunger hat, zum anderen aber auch das Essen aus Gewohnheit zu einem bestimmten Zeitpunkt am Tag. Je nachdem, ob Hunger oder Gewohnheit vorherrschen, verhalten sich Menschen bei einer Reservierung auf unterschiedliche Art und Weise. Herrscht beispielsweise der Hunger vor, so gilt die Nahrungsaufnahme als ein organisch bedingtes Bedürfnis. Menschen können auf eine Störung bei der Befriedigung dieses Bedürfnisses mit Anspannung, Nervosität und sogar Aggression reagieren. (vgl. Bellebaum, 1983, S.22) Folglich ist eine Mißachtung des Reservierungsschildes bei sehr hungrigen Personen wahrscheinlicher. Im gegenteiligen Fall wird die Reservierung eher akzeptiert, wenn das Essen entweder als gesellschaftliches Ereignis verstanden wird - wenn z.B. eine größere Gruppe zum Essen geht, um sich dabei zu unterhalten - oder wenn der Gang zur Mensa gewohnheitsmäßig erfolgt.

Obwohl es also auf den ersten Blick seltsam erscheint, daß die Zahl der Einzelpersonen an den reservierten Tischen höher war als die der Gruppen, kann man diese Erscheinung dennoch damit erklären, daß Gruppen bei ihrem Mensabesuch mehr auf geselliges Beisammensein aus sind. Somit reagieren sie weniger gereizt auf das Reservierungsschild als Einzelpersonen, für die das Essen im Vordergrund steht.

Am Philosophenweg konnte dies folgendermaßen beobachtet werden: Eine Gruppe aus drei Personen - einem Pärchen und einer männlichen Person - steuerte einen der 12 reservierten Tische an. Während sich die Einzelperson setzte, war das Pärchen nicht auf "Ärger" aus. Die beiden versuchten daher den Freund davon zu überzeugen, sich mit ihnen an einen anderen Tisch zu setzen. Aussprüche wie "Ach komm, laß es lieber. Dahinten sind doch noch Tische frei." wiesen darauf hin, daß das Pärchen bereit war, die Regel zu akzeptieren, einfach um einer möglichen Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Dieser positive Einfluß wirkte sich schließlich auch auf die dritte Person aus. Gemeinsam setzten sie sich an einen anderen Tisch und hielten somit die Reservierung ein.

Dieses Beispiel bezeugt, daß der Einfluß von Gruppenmitgliedern aufeinander auch in positiver Hinsicht eine starke Wirkung besitzt.

Unsere vierte These bezog sich auf das Verhalten von männlichen und weiblichen Mensabesuchern. Wir glaubten, daß sich letztere der Norm eher unterwerfen als die männlichen Personen. Auch diese These bestätigte sich nicht. Im Gegenteil stellten wir fest, daß insgesamt mehr weibliche Personen die Regel mißachteten.

Was kann nun aber hieraus abgeleitet werden?

Nach längerer Überlegung stellten wir fest, daß man aus dieser Beobachtung letztlich gar nichts ableiten kann, denn wir waren bei der Aufstellung der These davon ausgegangen, daß in beiden Mensen die Anzahl der männlichen und weiblichen Mensabesuchern gleich groß ist. Nur unter dieser Voraussetzung ist ein Vergleich beider Geschlechter möglich. In der Mensa am Ernst-Abbé-Platz essen jedoch hauptsächlich Studierende der Geisteswissenschaften und bei diesen ist erfahrungsgemäß die Zahl der weiblichen Studenten höher als die der männlichen Studenten. Somit ist ein Mißverhältnis hergestellt, das das Beobachtungsverhältnis verfälscht. Folglich müßte man die von uns erhaltenen Zahlen über das männliche und weibliche Verhalten in Beziehung setzen zu der Gesamtzahl männlicher und weiblicher Mensabesucher während unserer Beobachtungszeit, was uns in dieser Form allerdings unmöglich ist und eine gültige Auswertung der These verhindert.

Die fünfte These besagt, daß es Unterschiede im Verhalten älterer und jüngerer Mensabesucher gibt. Im Vorfeld unserer Beobachtung erwarteten wir keine älteren Menschen an den Tischen, sondern zum größten Teil Studenten. Unsere Annahme bejahte sich jedoch im Verlauf der Beobachtung nicht.

Ältere Personen sind reifer, erfahrener und auch besonnener. Daher vermuteten wir, sie würden sich eher an die Bestimmung halten als jüngere Mensabesucher. Ihr Handeln wiederum ist vielmehr von Eigenschaften wie Spontaneität, Willkür und Bedenkenlosigkeit geprägt. Sie sind daher eher „qualifiziert“, sich Vorschriften zu widersetzen.

Im Vergleich zu der Anzahl der älteren Menschen in der gesamten Mensa war die Anzahl der älteren Menschen an den Tischen in beiden Beobachtungen viel höher (vgl. Diagramm 2 und 3). Dennoch war der Anteil Studenten größer als der Anteil Älterer. Diese Tatsache läßt sich dahingehend begründen, daß älteren Mensabesuchern mehr Achtung gewährt wird. Dies geschieht aus vornehmlich zwei Gründen: zum einen schlicht wegen ihres Alters und zum anderen wegen der Gewißheit, daß sie wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität sind und damit einen akademischen Grad haben, was auch von ihrem äußerlichen Erscheinungsbild deutlich wird. Wenn diejenigen sich ihres Vorteils gegenüber der Studenten bewußt sind, können sie davon ausgehen, daß sie keine oder nur eine milde Sanktion zu erwarten haben. Für sie nimmt also die Sanktionswahrscheinlichkeit ab. Das führt wiederum dazu, daß die Bereitschaft, sich nach der Vorgabe zu richten, abnimmt und so die Wahrscheinlichkeit steigt, daß sich ältere Menschen an den reservierten Tisch setzen.

Darüber hinaus entstand der Eindruck, ältere Mensabesucher nahmen an, sofern sie Mitarbeiter der Universität waren, sie wären unterrichtet worden, wenn das Kultusministerium zu Besuch kommen würde. Da sie nicht benachrichtigt wurden, schätzten sie die Chance sehr gering ein oder schlossen die Möglichkeit sogar aus, daß Angehörige des Kultusministeriums in der Mensa essen würden. Somit sank der Wirkungsgrad des Reservierungsschildes und gleichzeitig erhöhte sich auch hier die Wahrscheinlichkeit, daß sie sich an den Tisch setzten.

Ein älterer Herr in der Mensa am Philosophenweg ging sogar soweit, andere, die noch zögerlich vor dem Schild standen, von der Unwahrscheinlichkeit des Besuchs des Kultusministeriums zu unterrichten. Er war sich demnach sehr sicher, daß die Reservierung erfunden sein mußte. Erstaunlicherweise setzten sich diese Personen trotzdem an einen anderen Tisch.

Bei der sechsten These: „Wenn die Mensa voll ist, wird der leere Tisch zuerst angesteuert.“, gingen wir davon aus, daß die reservierten Tische mindestens durchschnittlich leerer als alle anderen waren. Die Mensabesucher wußten bevor sie an den Tischen standen nicht, daß der Grund für das größere Platzangebot die Reservierung war. Sie gingen also davon aus, daß sie mit Sicherheit an diesem Tisch essen konnten. Somit konnte beobachtet werden, daß viele den leereren Tisch zielstrebig ansteuerten, in der Hoffnung, einen Platz für sich zu ergattern. Wenn es der Fall war, daß schon andere Personen, die sichtlich nicht dem Kultusministerium angehörten, am Tisch saßen, verringerte sich der Wirkungsgrad der Reservierung und die Hemmschwelle bei de Mensabesuchern. Die platzsuchenden Personen mögen gedacht haben: “Wenn die sich das 14 erlauben können, mache ich es auch!“, und setzten sich. Möglicherweise war es für sie auch beruhigend, daß sie nicht die einzigen an den Tischen waren, die eine Sanktion zu erwarten hätten. Schließlich fällt sie dann für den einzelnen dann vielleicht gemäßigter aus. Da es besonders für Gruppen ab drei Personen schwieriger war, zusammenhängende Plätze zu bekommen, gingen sie zuerst an den reservierten Tisch, da dort Plätze für sie frei waren. Als sie aber das Schild bemerkten, suchten sie meistens nach einem anderen Tisch (vgl. These 3).

Die siebente und letzte These besagt, daß Menschen neugierig sind und wissen wollen, was auf dem Schild steht. Das würde also bedeuten, daß manche Mensabesucher nur aus Neugierde extra auf den Tisch zugehen würden, ohne von der Suche nach einem Platz geleitet zu werden.

Auch hierbei kann nur gemutmaßt werden, da anschließend keine Befragung der Personen zu den Gründen ihres Verhaltens durchgeführt wurde. Daß Menschen von Natur aus neugierig oder sensationslüstern sind, ist nachweisbar, wenn man sich beispielsweise das Verhalten von Schaulustigen bei einem Verkehrsunfall zu Augen führt. Eine solche Anziehungskraft hatte das Reservierungsschild nicht. Da es aber ungewöhnlich in der Mensa ist, übt es unter Umständen einen gewissen Reiz auf bestimmte Personen aus.

Am wahrscheinlichsten werden sich Personen aus reinem Interesse das Schild durchgelesen haben, wenn sie bereits einen Platz hatten und der reservierte Tisch auf dem Weg vom Platz zur Essensausgabe gelegen hat. Von einzelnen, ungezählten Personen kann das sicher behauptet werden.

Auf die beiden Mensen bezogen, wird das Interesse am Schild in der Mensa am Philosophenweg größer gewesen sein. Begründen läßt sich diese Behauptung durch die Größe dieser Mensa. Die Mensa am Philosophenweg ist überschaubarer, da sie kleiner als die Mensa am Ernst-Abbé-Platz ist und weniger Besucher zu ihr kommen. Gegenüber der Mensa am Ernst-Abbé-Platz, bei der einem Platz 1,4 m² zur Verfügung stehen, hat die Mensa am Philosophenweg1pro Platz 1,6 m², also 0,2 m² mehr2. Folglich herrscht in der Mensa am Philosophenweg weniger Gedränge und der reservierte Tisch fällt schneller auf. Dazu kommt noch die Farbigkeit des Schildes. Das Rot wirkt als Signalfarbe unterstützend auf das Interesse. Manche könnten dadurch der Ansicht sein, etwas außergewöhnlich wichtiges stünde auf dem Zettel und nun bestrebt sein, dies auch in Erfahrung zu bringen.

4.3. Der Mensabesuch als Alltagshandlung

Essen ist ein lebensnotwendiges Grundbedürfnis des Menschen. Jeder Mensch ist darum bemüht, diesem Bedürfnis mehrmals am Tag nachzukommen.

Für Studenten3und Mitarbeiter der Universität ist die Mensa der Ort, in dem die Möglichkeit besteht, sich täglich zu verpflegen. Daneben besteht die soziale Bedeutung der Mensa; Sie ist zugleich der Ort, an dem man sich trifft, Neuigkeiten austauscht oder Probleme bespricht.

Essengehen ist für den herkömmlichen Mensabesucher eine alltägliche und gewohnheitsmäßige Handlung. Man kann davon ausgehen, daß jeder den Verlauf kennt und daß sich in der Vergangenheit kaum Variationen des Handlungsablaufs für den einzelnen ergaben. In der Mensa zu essen hat einen mehr oder weniger festen Platz im Tagesablauf des Studenten (und des Mitarbeiters der Universität). Um diesen Status zu erreichen, ist es zwangsläufig Voraussetzung, die Mensa regelmäßig zu besuchen.

Bevor es aber durch den „potentiellen“ Mensabesucher zum Handeln kommt, bedarf es einem Entwurf und dem Entschluß (vgl. Luckmann, 1992, S.49). Der Entwurf gibt an, wie die Handlung nach der Vorstellung des Entwerfenden ablaufen wird. Der Entwurf selbst muß jedoch erst konstruiert werden. Dies geschieht, indem zuerst das Ziel seiner Handlung4vor Augen geführt wird und der Weg dorthin mit Hilfe seiner Erfahrung erstellt wird. Ist dieser fertiggestellt, kommt es zum Entschluß und das Handeln beginnt.

Das Erstellen des Entwurfs ist bei alltäglichen Handlungen weniger bewußt. Keiner großen Überwindungsleistung bedarf es auch bei dem Entschluß zur Handlung, da es hierbei ein gewohnheitsmäßiges Geschehen betrifft.

Die Handlung war erfolgreich, wenn alle Teilschritte vollzogen und das Ziel erreicht wurde. Folglich wird der gelungene Entwurf gespeichert und für alle nächsten Mensabesuche wieder eingesetzt.

Nach dem mehrmaligen Bewähren des Entwurfs geht man wie selbstverständlich davon aus, daß dieser auch in Zukunft realisierbar sein wird. Treten aber während des Handelns unerwartete Schwierigkeiten auf, für die noch keine Entwürfe vorliegen, können die folgenden Handlungsschritte nicht mehr ohne weiteres ausgeführt werden. Der Eingriff in den Mensaalltag durch das Reservieren von Tischen ist jedoch nicht von solcher Bedeutung, daß das Handeln auf der Stelle abgebrochen werden muß. Ein Handeln getreu seinem Entwurf ist nicht mehr durchführbar. Die Möglichkeit, sein Ziel (zu essen) zu erreichen, bleibt bestehen. Es erfordert lediglich ein Umdirigieren des Handelns.

Steuert also jemand den reservierten Tisch an, weil er von weiten sieht, daß für ihn ein Platz frei ist, wird er stutzen, wenn er das Schild bemerkt und es liest; Dies war in seinem Entwurf nicht vorgesehen. Es ergeben sich für den Mensabesucher nun zwei Möglichkeiten: zum einen kann er das Schild ignorieren und sich trotzdem setzen und zum anderen kann er sich an die Vorgabe halten und sich einen anderen Platz suchen. Dabei beeinflussen wesentliche innere- und Umweltfaktoren den Entschluß. Hat er eine Entscheidung getroffen, kann er sein Handeln fortsetzen und seinen neuen Teilentwurf unter Umständen erfolgreich beenden und damit sein Ziel erreichen.

Luckmann macht auf diesen Sachverhalt aufmerksam:

„Grundsätzlich kann es eine vollkommene Übereinstimmung zwischen der Vorstellung (dem Entwurf) und der Verwirklichung (dem eigentlichen Handeln) gar nicht geben. Aber im Alltag bleibt dies unbemerkt und unerheblich - solange nur das Ziel erreicht wird...“ (vgl. Luckmann, 1992, S. 82)

In einem Fall dauerte die Entscheidungsphase überdurchschnittlich lange. Ein Student kam an den Tisch, las das Schild und zögerte, stellte seine Tasche trotzdem auf den (vermeintlich) besetzten Stuhl und ging sich sein Gericht holen. Unterwegs müssen ihn Zweifel befallen haben, denn als er zurückkam, stellte er zuerst sein Tablett ab, schaute sich dann um und entschied sich doch, diesen Tisch zu verlassen.

4.4. Das Entwenden der Reservierungsschilder als Sonderfall

Nach der Erläuterung unserer Beobachtungsergebnisse bezüglich der Thesen soll schließlich noch auf das unerwartete Ergebnis der zweiten Beobachtung am Ernst-Abbé- Platz, das Entwenden der Schilder, eingegangen werden. Während es uns nicht verwunderte, daß einige Mensabesucher der Reservierung zum Trotz an den Tischen Platz nahmen, war es erstaunlich, daß das Übertreten der Regel bis zum Entwenden der Schilder führte. Dabei war es interessant zu beobachten, wie bei den Beteiligten verschiedene, bereits genannte Faktoren zusammenspielten.

Wie bereits bei der Erläuterung der ersten These formuliert, spielt es eine wichtige Rolle, ob die betroffenen Gesellschaftsmitglieder eine Regel als sinnvoll und wichtig erachten, oder ob sie sie für lächerlich halten. Bei der Männergruppe war zweiteres der Fall, was durch Aussprüche wie "Beim nächsten Mal machen wir das genauso. Was die können, können wir schon lange" deutlich wurde. Obwohl sich die Studenten nicht direkt an die reservierten Tische setzten sondern an den Nebentisch, konnte man beobachten, daß ihre Aufmerksamkeit stets auf die angebrachten Schilder gerichtet war. Daß das Nicht- Hinsetzen bei ihnen kein Zeichen für die Akzeptanz der Norm war sondern nur für ihre anfängliche Vorsicht, konnte dann im folgenden beobachtet werden.

Nachdem zunächst nur über das Schild gesprochen wurde, begannen die Studenten schließlich, mit den Schildern zu spielen. Sie entfernten sie von den Tischen, warfen sie sich zu und legten sie mit der Aufschrift nach unten auf den Tisch. Somit widersetzten sie sich nicht der Norm sondern beseitigten sie.

Dabei war zu beobachten, welche Rolle hier der Einfluß der Gruppenmitglieder aufeinander spielte. Im Gegensatz zum angeführten Beispiel bei der Klärung der zweiten These war beim Entwenden der Schilder der Einfluß negativer Art. Während einer der Studenten stets zur Vorsicht mahnte und auf die Kassiererinnen hinwies - "Mensch, das könnt ihr doch nicht machen. Wenn die das sehen ..." - waren die übrigen Mitglieder nicht an diesen Einwänden interessiert. Vielmehr belustigten sie sich über die Angst ihres Freundes und konnten ihn dadurch zum "Mitspielen" animieren. Sie bestärkten sich gegenseitig damit, die Schuld auf andere, am Tisch Sitzende abwälzen zu können Folglich ist ein wichtiger Faktor bei der Akzeptanz oder Nichtakzeptanz einer Regel die Schuldfrage, die dabei auf dem einzelnen lastet.

Je mehr Personen an dem "Überschreiten" einer Norm beteiligt sind, um so geringer schätzen die einzelnen Personen ihre Schuld und damit auch die zu erwartende Sanktion ein. Und gerade deshalb fällt es den meisten Menschen leichter, Regeln im Beisein von mehreren.

4.5. Bilanz, Konsequenz, Resultat

Unsere Ergebnisse könnten auf den ersten Blick betrachtet, einen falschen Eindruck der Besucherschaft der Mensa erwecken. Um das zu vermeiden, soll auf einen wesentlichen Gesichtspunkte aufmerksam gemacht werden:

Es resultiert aus unseren Ergebnissennicht, daß Studenten (und Mitarbeiter der Universität) eine Bevölkerungsschicht darstellt, die sich gern und häufig sozialen Normen widersetzt. Man bedenke dabei, wie oft man schon erlebt hat, daß Personen bei Rot über die Ampel gehen und wie oft man dies selbst getan hat, ungeachtet dem Wissen, falsch zu handeln. Das Mißachten von sozialen Normen ist somit eine weit verbreitete Gepflogenheit in unserer Gesellschaft.

Bei sozialen Normen besteht das Problem, daß nicht jedes Individuum wählen konnte, ob eine Norm existiert und sich dadurch vielleicht übergangen oder ungerecht behandelt fühlt. Ihnen einfach aus dem Weg zu gehen, ist im Alltag kaum vorstellbar. Es bleibt dann unter Umständen nur die Möglichkeit, sie zu mißachten.

Rebelein, Jörg Seiten: 1 bis 3

Fuchs, Christian Seiten: 3 bis 9

Böhning, Susann Seiten: 9 bis 13

Lischka, Juliane Seiten: 13 bis 18

[...]



1 Andreas Diekmann, Empirische Sozialforschung: Grundlagen, Methoden, Anwendungen, 1998, S.469 2

2Jürgen Friedrichs: Methoden der empirischen Sozialforschung, S. 284

1Die Zahlen beziehen sich ausschließlich auf den Saal 1, da dort die reservierten Tische standen.

2Der Richtwert für Mensen liegt bei 1,5 m² pro Platz.

3Es wurde und wird auch im folgenden Text auf die Angabe des jeweils anderen Geschlechts verzichtet und sich am

grammatischen Geschlecht orientiert. Dies soll jedoch nicht bedeuten, daß das biologisch weibliche (in manchen Fällen auch männliche) Geschlecht ausgeschlossen ist.

4Ziel bei uns: zu essen

19 von 18 Seiten - nach oben

Leave a Comment

(0 Comments)

Your email address will not be published. Required fields are marked *